Warum mussten denn ausgerechnet die Briten Neuseeland für sich einnehmen und diesem Landstrich ihren Stempel aufdrücken?!? Nichts gegen britischen Einfluss per se, aber warum muss denn auch auf anderen Inseln außer derjenigen in Europa auf der definitiv FALSCHEN Seite gefahren werden? 😉 Nach 54 Stunden Reisezeit und einer zweistündigen Fahrradzusammenbastelaktion am Flughafen kann es zu einer enormen Herausforderung werden, sich dieser Laune der einstigen Kolonialherren unfallfrei anzupassen. Und dass mit in einigen Reiseführern liest, FahrradfahrerInnen und FußgängerInnen zählten nichts, AutofahrerInnen seien die Alphatiere in den gnadenlosen KIWI-Straßen, lässt den Puls noch etwas schneller schlagen…

 

Dennoch: Die Einreise in Neuseeland ist für uns mit einem Gefühl absoluter Gelassenheit verbunden, nicht nur, weil das Fliegen im A380 mit Neufahrzeuggeruch und sattem digitalen sowie kulinarischen Unterhaltungsprogamm das maximal mögliche Maß an Entspannung (sofern man davon sprechen kann) bietet. NEIN! Die Einreise am Flughafen Christchurch wird von unfassbar freundlichen Damen und Herren des Landes begleitet, die sich nicht zu Schade für ein mit einem Lächeln begleitetem Smalltalk sind und auch entspannt aber sehr genau begutachten, wo zu viel Dreck an unserer Ausrüstung klebt! Hier weht eindeutig ein anderer Wind, uns gefällt es. Und damit nicht genug… „Wisst ihr, wo ihr den Bereich für das Zusammenbauen eurer Fahrräder findet?“ Bitte?!? Was gibt es hier? Genialer Standard!!!!

Noch schnell im Vorbeigehen eine Prepaid-SIM-Karte gekauft, keine Minute später steckt das Ding im Phone und tut ihren Dienst anstandslos ohne Bürokratiegedöns.

Die Räder kommen heile am anderen Ende der Welt an, das Zusammenbasteln geht erstaunlich schnell von der Hand – in zwei Stunden ist der Drops gelutscht und wir schwingen uns nach sieben Tagen Radelabstinenz auf unsere Hobel, um den Weg in die Innenstadt anzutreten. Die nächsten Tage ist Hosteltime – so viel Luxus muss schon auch mal sein, prognostiziert doch der Wetterbericht Regen satt für die nächsten Tage – und er wird leider recht behalten.
Eine Stunde später und zwei Harakiri-Aktionen (erst nach rechts, dann nach links!!!) vom Mister später rollen wir im Hostel ein, fast schon scheintot, denn der Reisehammer schlägt derweilen richtig zu. Der Empfang ist herzlich – Shona ist herzlich und völlig unkompliziert, gibt uns die ersten praktischen Tipps, wie wir ohne das Aufbrauchen der allerletzten Kraftreserven noch an Futter kommen und dann schnell ins Bett verschwinden können! Kreditkarte? Klaro, Stupid, zack, bezahlt! „Ist das nicht normal?“ – Nee!!!???!!! 🙂
Der nächste Tag gestaltet sich sehr ereignisarm: Nachdem wir von 21 Uhr bis morgens 9 Uhr durchschlafen, wird adhoc ein paar Frühstückscerealien eingeworfen, um sich gleich noch mal n „Stündchen“ hinzulegen. Klar wird daraus schnell ne Ewigkeit und letztlich schaffen wir es erst gegen 17 Uhr aus dem Bett, nur um den nächst größeren Supermarkt anzusteuern und bissl Futter zu kaufen. Wetter? Alles andere als einladend – es schüttet! Also: Essen und wieder ab ins Bett! Wir schlafen doch tatsächlich auch die zweite Nacht durch!
Im Hostel selbst hat man das Gefühl, ganz schön alt zu sein. Junge Leute überall, die mit ihrem Rucksack über die Inseln tingeln und von denen gefühlte 90 Prozent deutsche AbiturientInnen sind. Mal sehen, wann mir der/die erste ein vertrautet „Hallo“ entgegenwirft ;-).

Eine spannende Randnotiz: Vor allem in der Küche des Hostels befinden sich an allen denkbaren Stellen Hinweisschilder, dass jeder seinen Dreck doch selbst wegzuräumen habe, eine Selbstverständlichkeit, deren Gültigkeit aufgrund des inflationären Aufkommens dieser Hinweise wohl stark bezweifelt werden darf! Ketzerisch könnte man fragen: „Gibt es da etwa eine Korelation zwischen oben beschriebener Klientel und dem Umstand, dass die Schilder mitunter ihre Aufgabe verfehlen?“ Ich lasse das jetzt mal so stehen 🙂
Dass dieser Umstand kein alleiniges Charakteristikum junger Leuts sein kann, machen unter anderem die realsatirischen Einlagen älterer Mitreisender auf dem Flug von Dubai nach Christchurch deutlich. Eine ältere Dame hält auf einmal die Klappe des über ihr befindlichen Gepäckkastens im nagelneuen Flugzeug in der Hand! Reicht aber nicht, das Ding muss ganz ab und so passiert es dann auch! Purer Destruktivismus, untermalt mit überzeugten Gesten der Unschuldigkeit! Die Gepäckklappe des europäischen Produktes als Sinnbild europäischer Verfasstheit? Wir hoffen es nicht!

Anderes Beispiel: (süd)koreanische Reisegruppe, bestehend aus 30 Frauen mittleren Alters und einem Reiseleiter jüngeren Baujahres! Einige der Damen schienen immer das Gegenteil von dem zu tun, was von ihnen (aus gutem Grund) gerade verlangt wurde: NEIN, während des Starts geht man nicht auf die Toilette und rennt im Gang umher! NEIN, auch während der Landung darf man das nicht…! Anschnallen macht auch Sinn… Und auch beim zweiten und dritten Mal bleibt die Flugbegleiterin geduldig, zumindest scheint es so…
Letzte Episode, dann soll’s auch gut sein damit: Die Lehnen der Sitze sind bei Start und Landung bekanntlich aufrecht zu stellen – hat sicher auch nen guten Grund. Telefone doch bitte auf Flugmodus. Klar lehnt man sich, wenn die Flugbegleiterinnen ihre Kontrollgänge erledigt haben, wieder gemütlich zurück… !!! Egal, ob die Person dahinter vielleicht bei Turbulenzen die Rückenlehne in der Visage kleben hat! Nebenbei wird fleißig am Handy gefummelt – vielleicht hat man ja noch/schon Netz?
Einen haben wir noch: Warum müssen die Leute eigentlich sofort aufstehen, wenn das Flugzeug den Boden berührt hat? Eigentlich ist es doch peinlich, wenn man aufgefordert wird, sich wieder hinzusetzen, weil die Karre noch rollt und überhaupt: geht es dadurch schneller? Auch der Run zum Gepäckband ist äußerst witzig, der erste Mensch wartet am längsten…

Der reinste Kindergarten, ehrlich. Und so verwundert es nicht, wenn das Bordpersonal irgendwann einen leicht genervten Eindruck macht. Ich kann aber doch auch nichts dafür, wenn mich eine Dame unerkennbar rhetorisch fragt, ob ich noch etwas trinken möchte und dann durch den halben Flieger laufen muss, um den O-Saft zu holen, weil der dämliche Hammel unerwartet JA gesagt hat!

Wo waren wir? Ach ja, in Christchurch: Die Stadt ist seit 2011 immernoch gezeichnet vom schweren Erdbeben, bei dem 185 Menschen ihr Leben verloren. Das Zentrum ist förmlich noch immer nicht existent und überall befinden sich Baustellen. Warum der Wiederaufbau solch einen langen Zeitraum in Anspruch nimmt, lässt sich nur vermuten.

Das Regenwetter macht die Situation nicht besser, als wir durch die City einen Marathon zu diversen Malls und Outdoorgeschäften machen, um ein paar Anschaffungen zu machen, die die Reise notwendig gemacht haben… Mal eben vier Blocks zu Fuß zurücklegen? Wir sind die einzigen, so scheint es und es herrschen, was die Dimensionen angeht, amerikanische Verhältnisse… Egal, irgendwann werden wir fündig und genießen den Einkauf von Qualitätsequipment zu europäischen Preisen. Kreditkarte, zack, fertig!!! So muss das!

Nichtsdestotrotz: Neuseeland scheint ein teueres Pflaster… Im Handumdrehen sind die Dollars aus der Tasche raus, der Wagen aber nicht üppig gefüllt. Vorsicht ist hier angesagt, denn der Flieger geht erst in drei Monaten und bis dahin muss die Kohle reichen!

Dennoch: wir fühlen uns hier richtig wohl. Morgen nehmen wir die Sache wieder in die Hand und schwingen uns auf unsere Hobel, die viel zu lange unbewegt im Regen standen. Das Wetter soll ab morgen besser werden und so sind wir guter Dinge, in die vielgelobte Natur unserer aktuellen Destination einzutauchen!

Cheers und auf zu neuen Taten, die Muttons.

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