Ein Freund kommentierte vor ein paar Tagen den Umstand, dass wir doch tatsächlich mit gefrorenem Niederschlag, alias Schnee, konfrontiert worden waren, dass wir noch einmal „alles“ mitnehmen würden, was denn so ginge… Wie recht er doch hatte, nur wussten wir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. KIWI-Adventure-Time der besonderen Art, und das auf unsere alten Tage.

Beginnen wir den heutigen Post mit einer Reisewarnung. Wer in Betracht zieht, Neuseeland mit dem Rad zu bereisen und das relaxte Reiseradeln präferiert, sollte gefälligst Routen, die sich von West nach Ost nach West ertrecken partout meiden. Stichwort Gentle Annie Road von Hastings nach Taihape – nur circa 140 Kilometer? Ja, ABER ne Challenge der besonderen Art. Die Gebirgszüge verlaufen im rechten Winkel zu den Straßen. Die Einsamkeit fernab von lästigem Verkehr erkauft man sich mit erstklassigen Steigungen im satten zweistelligen Bereich… Und noch ein Tal und noch ein Tal und noch ein Tal und noch ein Tal? Zweieinhalb Tage beschäftigt uns dieser Spaß und danach sind wir ganz schön knülle. Nordinsel – alles flacher? Selten so ge(hechel)lacht. Aber nur die emotionale und physische Belastung brennt das Erlebnis ins Muttonhirn ein und wird wohl haften bleiben. Tatsächlich denken wir manchmal beängstigend wehleidig an die Herausforderungen der argentischen Steppe zurück und murmeln in unsere Bärte: „Das waren noch Zeiten!“ 🙂

In Taihape steigen wir in einem Backpackers ab und haben eine interessante Begegnung mit originalen Schafscherern… Einfach Klasse, auch wenn wir nicht mal ansatzweise die Hälfte von dem verstehen, was sie reden (dem Akzent/Dialekt sei Dank), reicht es dennoch, um ins Gespräch mit ihnen zu kommen. Sie bewerten unsere Radelei durch die Welt als „fuck, fuck fuck“ (jedes zweite Wort, ehrlich!!!) verdammt harte Arbeit, scheren aber zehn Wochen durchgehend mindestens 200 Schafe täglich, bevor sie dann eine Auszeit von einem Monat nehmen… Der Rekord liegt wohl bei um die 500 Schafe am Tag…. Wer hat hier den härteren Job? Sie bestätigen uns, es sei eher eine Art Meditation und Ruhetage seien „tötlich“, weil man danach wieder von vorn anfängt, seine Routine zu entwickeln… Echt krasse Typen… Das Abendessen mit ihnen war dann auch eine besondere Erfahrung 🙂 Was lag auf dem Teller? Mindestens ein Kilo Fleisch, und das wurde halb roh verdrückt! Spannend anzusehen, kommentiert mit welchen Ausdrücken? Ja, genau ;-)!

Übrigens: 1,70 Dollar gibt es pro geschorenem Schaf, Ausrüstung ist Eigenleistung und kostet 4000 Dollar. Sind sie in Neuseeland fertig, geht es ab nach Australien. Dort warten die richtig harten Brocken auf die Jungs, Merinoschafe, die tatsächlich mehr in Australien denn hier vertreten sind. Der Preis ist allerdings circa der gleiche… Die Viecher sind demzufolge nicht sonderlich beliebt.

Getreu dem Motto: „Nichts ist beständiger als die Unbeständigkeit.“, präsentierte sich der Wetterbericht für die nächsten Tage außerordentlich radelmuttonunfreundlich, obwohl in Hastings noch Friede, Freude, Sonnenschein für eine Woche prognostiziert worden war. Regen satt und ein Temperatursturz sollte sich vollziehen, der sich gewaschen hatte. Dieser Inhalt war dann natürlich an solider Beständigkeit nicht zu überbieten und so wurde der Campingplatz in Ohakune, einem neuseeländischen Äquivalent zu namenhaften schweizer Skiorten (OK, vielleicht dann doch etwas übertrieben 😉 ), unser Domizil für gnadenlose fünf Tage. Der Gang zur Rezeption am nächsten Morgen eines jeden Tages entwickelte sich zum Running Gag – „One more night?“ – „Yes, please, but tomorrow … maybe ….“ Natürlich kamen wir am letzten Tag unseres Nothaltes auch noch in den Genuss der weißen Pracht, die uns die Entscheidung, endlich aufzubrechen und der mittleren Region der Nordinseln schleunigst den Rücken zu kehren oder zum Inventar des Campingplatzes zu mutieren, nicht gerade einfach machte.

Aber: Wir nahmen unsere Hammelbeine schließlich in die Hand und brachen auf. Der gemeldete Sonnenschein war da … zumindest für die zehn Minuten, die wir brauchten, um uns vom Campingplatz zu entfernen. Danach? Naja, wir sagen mal: es wurde irgendwann auch wieder besser, zumindest was das Wetter betraf.

Folgender Schlachtplan war ja seit Wochen ausgegeben. Wir wollten Auckland möglichst ohne die Benutzung dämlicher und gefährlicher Highways erreichen. Super, dass es da einen ausgewiesenen Cycletrail von Ohakune nach Norden gibt, der zumindest partiell auch zu den Great Rides gehört. Machen wir!!! Da es vorher fünf Tage gestürmt und geschüttet hatte, erkundigten wir uns vorsichtshalber noch einmal an der Touristeninformation nach der Beschaffenheit des Weges. Zwei nette Damen, eine jung, eine nicht mehr so jung/etwas älter, konfrontierten uns mit zwei sicher altersabhängigen Bewertungen unseres Vorhabens. The older lady with a smile: „Why do you wanna do that?“ (Der Inhalt der übergroßen Gedankenblase über ihrem Kopf: „Are you crazy or/and stupid?“) Spannenderweise teilte sie uns vorher noch mit, dass der Highway 1 wegen Schnellfalls geschlossen sei und die Ausweichroute über den Highway 4 führe, der auch für uns die einzige Alternative gewesen wäre. Wer ist hier eigentlich jetzt verrückt, Lady?!? 🙂 Die junge Dame befasste sich eher mit der Beschaffenheit des Trails und sagt, es könnte stellenweise etwas matschig und vielleicht etwas rutschig sein…kein Thema für uns … kennen wir, hatten wir, machen wir, nehmen wir in Kauf. So schlimm kann es ja nun eigentlich nicht sein, da die Kiwis doch auch bekannt dafür sind, ihre ausgeschriebenen Trails in bestem Zustand zu halten. ABER: Weit gefehlt, es wurde zu einem Fiasko der außerordentlich eindrücklichen Art…

Wir radelten los, 11 Uhr, mal wieder verdammt spät für das, was uns erwartete. Aber wer konnte denn auch ahnen, dass „ein wenig matschig und stellenweise rutschig“ bedeuten sollte, dass wir förmlich im Schlamm absaufen :-/

Der Himmel war zugezogen, der Regen wurde stärker und es war ar…kalt, als wir uns gen Trailhead auf einer tollen Abfahrt befanden, die dadurch gestört wurde, dass gebäudegroße Teile der seitlichen Erdterrassen am Straßenrand dem Regen der letzten Tage zum Opfer gefallen waren und sich uns als Schlammlawinen in den Weg stellten. Hätte man hier was ahnen können? 🙂

Trailhead erreicht, Uphill, Sonne lacht, Streckenbeschaffenheit: etwas schlammig an einigen Stellen, aber nichts Dramatisches. Nach einem grandiosen Panorama standen wir letztlich auf dem höchsten Punkt des Trails und sahen uns nur noch mit ausgewiesenen 5,7 Kilometern zum Campsite Mosleys konfrontiert, alles Downhill, alles kein Problem?! Schon nach 500 Metern mussten wir das erste Mal stoppen. Der Bauer trieb seine Kühe keine Ahnung wohin, allerdings in die Richtung, aus der wir kamen… Ganz geheuer sind uns die Viecher echt nicht und so pressen wir uns an den äußersten Rand des Trails, das Fahrrad als Schutzschild vor uns und verharrten voller Vorfreude auf die Fortsetzung des Downhills mit uns um die Ohren fliegenden Kuhfladen. Gibt es was besseres?!? Dass bereits die Dämmerung einsetzte, war nicht weiter tragisch, sind ja nicht mal mehr 5 Kilometer, gelle? Dass eine frostige Nacht mit -2 Grad bevorstand? Egal, wir verkriechen uns doch gleich in unsere kuscheligen Schlaftüten… Das Downhillvergnügen wehrte nicht lange… Wir versanken förmlich in einem Gemisch aus Schlamm und Exkrementen! Schieben war angesagt. Und es wurde noch schlimmer. Das Tageslicht ging aus, die Nässe und der Schlamm drangen ins innere der Schuhe, die Räder übten sich im Schlammsammeln und Hammelchen wurde zunehmend aggressiv… (SOWAS MUSS DOCH EINE TOURIINFO WISSEN!!!!!!!!! HALLO?????? ETWAS MATSCHIG???? DIE WOLLTEN UNS VER…..) Der Trail war kein Trail im eigentlichen Sinne, wir hieften die Räder über eine Viehweide, mittlerweile die Stirnlampen an den Köppen. Was für eine bescheuerte Veranstaltung… Sternenklare Nacht, das Terrain verändert sich schlagartig nach einer halben Stunde Plackerei. Wird es besser?! Mmmmh, genau… Nun wechselten wir auf einen Trampelpfad, den wilde Ziegen die letzten Tage so bearbeitet hatten, dass hier alles beim Alten blieb, sich nur das Fäkaliengemisch veränderte… Ganz großes Kino!!! Great Ride? Auf jeden!!! Unfahrbar… Und wo ist denn eigentlich der bescheuerte Campsite???? Wir waren seit zwei Stunden mit diesem Mist beschäftigt, aber das Ding kam einfach nicht… Haben wir den übersehen? Umkehren? Undenkbar!!!! Wir befanden uns mitten im Busch… Vor uns lagen noch 12 Kilometer zum nächsten Campsite…. NACHTSCHICHT!!!! JIPPI!

Fango gratis :-)

Irgendwann gabelte sich der Pfad. Wir entschieden uns natürlich erstmal für den falschen Weg, die Ziegen-Detour. Immer weiter in den Dschungel. Wenn man dann merkt, dass hier irgendwas einfach nicht stimmen kann, dies bestätigt bekommt und wieder zurück will, macht das Wenden mit dem Rad im Schlamm doppelt soviel Spaß, das können wir euch sagen… Wegweiser für den Great Ride? Haha, witzig… Abteilung kehrt, mittlerweile wird nicht mehr geflucht, sondern wir befinden uns in dem Stadium, die Farce erkannt und akzeptiert zu haben, und ergeben uns in unser Schicksal (was willste machen?), haben nur noch ein höhnisch-trotziges Lachen übrig…

Und mit einem Mal: Bumms, da steht ne Hütte mitten in der Pampa – Mosley Campsite – Ein Refugio deluxe… Die längsten 5,7 Kilometer unseres Lebens. Nacht, Frost, gute Nacht. Fortsetzung folgt, der Trail wartete am nächsten Morgen mit weiteren zehn Kilometern.

Die Gesamtleistung des nächsten Tages? Ganze zehn Kilometer – in dreieinhalb Stunden. Gern räumen wir noch Teile zweiter umgestürzter Bäume weg, kein Thema! Wir waren platt, sahen uns mit einer Camphütte und bestem Wetter konfrontiert und die nächste Schlafmöglichkeit war zu weit entfernt, um diese noch zu erreichen. Also fiel uns die Entscheidung leicht. Wir machten die Räder im Rahmen unserer Möglichkeiten etwas sauber – also Bremsen und Antrieb – und versuchten etwas zu entspannen. Wir trafen auf Rob (not farting), ein verdammt sympathischer Kiwi, der eigentlich in Australien lebt, aber nach Hause gekommen ist, weil sein Vater mit seinen 90 Jahren vielleicht nicht mehr lange lebt… Das schwarze Schaf der Familie – Sozialist unter Konservativen – sicher spannende Familientreffen :-). Wie so viele Kiwis, ist Rob mit meinen 40 Jahren schon ganz schön rumgekommen in der Welt und hatte lustige Geschichten zu erzählen. Beispielsweise weilte er längere Zeit in Spanien, wurde da mit dem Klischee konfrontiert, als Neuseeländer bekomme man das Schafscheren ja in die Wiege gelegt und der örtliche Bauer lud zum Großereignis: KIWI-Rob schert seine Schafe… Resultat? Mechanische Schere, dicke Wollschicht und ne Hautfalte … KIWI massakriert spanisches Schaf beim Versuch, es zu scheren… uns hat es fast weggeräumt, als er uns diese Situation plastisch schilderte, das entsetzte Gesicht des Bauern etc… (keine Sorge, das Schaf hat es überlebt). So ist das mit den Klischees, oder? 😉

Der nächste Tag – straffe Hügel, bescheidenes Wetter und zum Schluss ne Radelei im Dunkeln zum Campsite, weil das Tageslicht nicht mehr ausreichte… Ab Mitte Mai ist die Radelzeit hier endgültig vorbei, so unser Eindruck (Reisewarung zwei?) Campen im Zelt? Nur noch im äußersten Notfall – gibt es ne Cabin, nehmen wir ne Cabin. Dieser Entschluss reifte in uns spätestens in Ohakune soweit heran, dass er ab da seine konsequente Umsetzung fand? Weicheimodus? Mag sein! Aber wir können damit leben… Bei zwei Grad und feuchtem Nebel macht das Aufstehen einfach keinen Spaß… Wir durften dies am Folgetag noch einmal genießen, nachdem wir dem Trailhead des legendären Timbertrail einen Besuch abstatteten, natürlich bei wieder mal bescheidenem Wetter und dem Hinweis, dass Teile des Trails wohl aufgrund des Wetters der letzten Tage soweit abgesoffen waren, dass er stellenweise unbefahrbar ist. OK, dann lassen wir das.

Irgendwie war die Luft raus … Die feuchte Kälte lag uns in den Knochen und jeder noch so kleine Anstieg nervte uns nur noch… Ein deutliches Zeichen für was eigentlich? Naja, rückt das Ziel der Reise in Reichweite, ist dieses Empfinden ein Phänomen, was wir schon öfter festgestellt haben. Eigentlich will man nur noch ankommen … irgendwie … und noch etwas relaxen, bevor es dann heißt: Hallo Deutschland!

Der Weg nach Auckland gestaltet sich dann deutlich angenehmer, als gedacht… In dieser mit Abstand größten Stadt war das Radeln sogar fast schon angenehm und wir befinden uns jetzt in einem Hostel, in dem wir überwiegend ausspannen und den Umstand genießen, dass es erstens unüblicherweise kostenloses WIFI gibt, welches zweitens auch noch gut ist… ! Die Räder sind vom groben Dreck befreit, Auckland (eine normale Großstadt eben) haben wir auch schon einen Besuch abgestattet und in zwei Tagen treten wir den Weg zum Flughafen an. Plan? Radelnd! Bikekartons sollten (hoffentlich, fingers crossed) am Flughafen zu finden sein. Zeit haben wir genug, denn der Flieger geht 23:59 Uhr. In Hongkong werden wir die 15 Stunden nutzen, um einen kleinen Eindruck dieser Metropole vermittelt zu bekommen und dann geht es geradewegs nach Frankfurt…

„Am Ende nehmt ihr nochmal alles mit!“ – Wir hoffen, das war alles 😉 Wir hoffen das Beste. Bis demnächst zur Metareflexion der Reise 😉 Die Muttons!!!

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