Zelt kaputt, Smartphone im Eimer, Windjacke durchlöchert, Schalthebel defekt – hier sei nur eine Auswahl an Ereignissen genannt, die sich auf den letzten knapp 15.000 Kilometern Radelei durch die Weltgeschichte sicher mehr oder weniger angebahnt haben, aber in Neuseeland in den zurückliegenden beiden Wochen quasi simultan ihren Kulminationspunkt erreichen mussten. Sind es Zeichen der Zeit, die auf ein baldiges Ende unseres Trips insistierten?! Gehen wir der Sache mal auf den Grund! Jede(r) Lesende möge sich selbst einen Reim darauf machen!

 

Zeichen eins: Die Wettersituation

Aktuell sitzen wir in Hastings auf dem örtlichen Campingplatz mehr oder weniger fest, weil es wie aus Eimern schüttet, und dies den ganzen Tag schon. Die Warmduschermuttons sitzen trockenen Fells in einer Cabin, weil es einfach keinen Spaß machen würde, bei solch einer Sauerei im Zelt zu verweilen. Von den mentalen Auswirkungen einer solchen Aktion wollen wir hier schon gar nicht reden :-). Ist das jetzt der launische Herbst Neuseelands, an den uns einige Kiwis immer mal wieder erinnern? Mhhh… Auch in Picton und Wellington schalten wir in den Warmduschermodus, werden auf einem Radweg, der früher als Bahnstrecke fungierte (wunderschönes Konzept, alte Bahnstrecken zu Radwegen umzufunktionieren) ordentlich eingenässt, finden aber für die Nacht eine passable Unterkunft. Anschließend arbeiten wir uns bei bestem Wetter an die Südküste der Nordinsel vor (Corner Creek), der uns nicht nur wegen der Landschaft, sondern auch wegen der stürmischen und daher schlaflosen Nacht sehr stark an Patagonien erinnert. Nächster Tag: Wir begeben uns bei teils starken Regenschauern und stürmischem Wind gen Martinborough, wo wir (hüstel) mal wieder in der Cabin unser Nachtlager aufschlagen. Zelten? Zu gefährlich bei dem Sturm. Eigentlich ist es überflüssig zu erwähnen, dass der Wind mal wieder richtig schön von der Seite kam, und da man hier halt im Straßenverkehr links mit rechts verwechselt hat (:-)), fahren wir just mal wieder auf der ungünstigsten Seite der Straße gen Norden bei straffem Wind aus West.

Sturm und Regen – ein Menetekel, welches die Muttons so langsam in die Knie zwingt?

Wir geben zu, Spaß macht das mitunter nicht wirklich und unsere unmittelbare Umwelt muss sich das ein ums andere Mal die ein oder andere Tirade emotionaler Explosivität gefallen lassen.

Dennoch: Wir halten uns wacker… Üblich ist immer noch das Zelten! Auch wenn man sich mittlerweile ganz schön warm anziehen muss, sobald der Tag zur Neige geht. Nachtfrost? Nicht unüblich! Massenhaft Kondens, was das Zelt über Nacht zur Tropfsteinhöhle macht? Eine Grundkonstante der letzten Campingnächte!

Zudem sahen wir uns auf dem Weg gen Norden auch mit sehr langen Schönwetterperioden konfrontiert. Sonne satt am Morgen, blauer Himmel, farbenfrohe Herbstlichkeit und angenehme Tagestemperaturen – nicht unromantisch und das beste Radfahrwetter!

Zeichen für Abbruch?

o ja             o nein                o vielleicht (Zutreffendes bitte ankreuzen)

Zeichen zwei: Begegnungen der besonderen Art

Nachts so gegen drei Uhr, Mister Mutton öffnet seine Augen im Halbschlaf, weil ihn wahrscheinlich seine Rückenschmerzen mal wieder daran erinnern wollen, wie alt er eigentlich ist oder dass man gefüllte Radkartons partout nicht aus dem Rücken auf einen Gepäckwagen heben sollte. Anyway! Ein Schatten huscht über seinem Kopf auf dem Innenzelt umher… !!! „Ich bekomm hier echt gleich nen Anfall!!! Was’n das jetzt wieder für’n Viech?!?!“ Der schnelle Griff zur Stirnlampe und die adrenalinbegründete Explosivität des alten Hammels sorgen für Aufklärung. Mausgeschichten Teil XYZ! Was für ein „Glück“ muss man eigentlich haben, auf einer unendlich groß erscheinenden Wiese im Nirgendwo ausgerechnet da sein Zelt aufzuschlagen, wo eine Maus sich zu Hause fühlt? Aber warum exkrementieren die kleinen Nager eigentlich immer fleißig vor ihrer Haustüre und AUF MEIN ZEUG?!!!! Grml. Das Hammel- und Mausspiel ging abermals in eine neue Runde, bis alsbald mindestens ein Teilnehmer die Lust an ebendiesem verlor und einfach weiterschlief. („Ich bin zu alt für diese Sch…!“ (frei nach Bad Boys II). Resultat kaputtes Zelt? Nee, zu dieser „interessanten“ Geschichte kommen wir gleich noch!

Morgens, gleicher Campspot. Die Maus hatte seit Stunden das Weite gesucht! Blick nach draußen: alles nebelig und nass… Irgendwann quält man sich dann doch aus der Tüte und zieht die allmorgentliche Packorgie so stark in die Länge, bis man in den Genuss von Sonnenstrahlen und eines halbwegs trockenen Zeltes kommt. Die meisten Campervanbesitzer sind da schon über alle Berge und nutzen den Komfortvorteil, den wir nun ab und zu beneiden…

Aber: Direkt neben uns betteten sich am Abend vorher zwei Reisende, die am nächsten Morgen mal wieder die Welt zum Dorf machten. Beide haben Wurzeln in Karl-Marx-Stadt, jetzt Chemnitz. Ein/e Mathematiker/in möge doch jetzt bitte die Wahrscheinlichkeit für dieses Meeting errechnen und uns allen mitteilen. Um den Anspruch noch etwas zu erhöhen, fügen wir noch hinzu, dass die beiden das gleiche Zelt präferierten und wir dadurch in ein äußerst nettes Gespräch kamen.

Highway, wir radeln bei gutem Wetter unseres Weges und erblicken auf der anderen Straßenseite eine Polizeistreife, die einen autofahrenden Verkehrsteilnehmer aus dem Verkehr gezogen hatte, der nach einem typischen Touristen aussah. Wir nahmen alle unsere medienbeeinflussten Stereotype zusammen und kulminierten sie in dem Gedanken, dass man sich mal wieder die unwissenden und unbedarften Ortsunkundigen rauspickte, um sich in irgendeiner Weise an ihnen schadlos zu halten. Klaro! Muss so sein, sieht man ja auch immer im Fernsehen ;-)! Wir wissen bis heute nicht, was in diesem konkreten Fall Grund dieser Liaison war, allerdings überholte uns der Polizist im Polizeiwagen kurze Zeit später, hielt einige Meter vor uns und gab uns dann zu verstehen, wir sollten anhalten. „Yeah, jetzt werden wir Teil dieser Party!!!“, dachte der Leithammel noch und sah sich sobald mit der Frage konfrontiert, wo wir denn herkämen und wo wir hinwöllten. Klar der Strategie der Deeskalation folgend stand ich Rede und Antwort, ohne weiter auszuholen. Die dritte Frage brachte mich dann allerdings völlig aus dem Konzept: „Hey guys, do you want some lunch?“ Hääää, wie bitte?! Unser Polizist outete sich als passionierter Radfahrer und Warmshowers-Host, der uns in sein Haus einludt, uns beköstigte, mit uns angeregt über unsere und seine Reisen redete und uns noch sehr hilfreiche Streckentipps gab! Astreines Erlebnis. Alsbald rief die Pflicht und er ließ uns in seinem Haus zurück mit der Anmerkung, wir könnten gern bleiben, ggf. duschen und sollten nur die Tür schließen, wenn wir gingen… Super! 🙂 Er überholte uns noch dreimal an diesem Tag auf seiner Streife und eskortierte uns wohl somit noch ein wenig aus der Umgebung…

Nach einem bescheidenen Tag auf dem Highway Richtung Nelson, an dem uns ein ums andere Mal die Todesangst ergriff, schlugen wir unser Zeltlager in Ermangelung tragfähiger Alternativen auf einem Campsite auf, der direkt an zwei sich kreuzenden, stark befahrenen Highways lag. Die Toilette war eine Beleidigung und an Ruhe im Prinzip nicht zu denken. Gegen ein Uhr nachts kehrte allerdings unverhofft Ruhe ein und wir dösten ein, nur um wenig später von starker Lichteinstrahlung, Schritten und Gewusel direkt neben unserem Zelt geweckt zu werden. „KANN DAS DENN WAHR SEIN?!!!!“ – Einige haben echt nicht den Ansatz emotionaler und sozialer Intelligenz/Kompetenz, um zu erkennen, dass man sowas einfach nicht macht! Wie kann man sich auf einem leeren Campingplatz mitten in der Nacht nur zwei Meter neben ein anderes Zelt stellen, 45 Minuten mit leuchtstarken Stirnlampen rumfuchteln und versuchen, seine Bude aufzubauen, ohne nur ansatzweise daran zu denken, dass dies andere irritieren und stören könnte?! Auf meinen kritischen Einwand, wir fänden das irgendwie überhaupt nicht witzig und völlig unangebracht, denn wir wöllten gern ungestört schlafen, wurde uns mit einem „What?“ begegnet… Ist klar! Hopfen und Malz verloren!!! Grml!
Martinborough – Nordinsel: Nach einer stürmischen Nacht in der kleinen Hütte sahen die Wetterprognosen für den kommenden Tag gemischt aus, vor allem war aber das Campingplatzangebot quasi nicht existent. Also bemühten wir die Warmshowers-Datenbank, in der sich weltweit Leute eintragen, die Radreisenden eine Bleibe für die Nacht anbieten. Spannende Geschichte, lernt man dadurch doch Einheimische kennen und erfährt so Allerhand über Land und Leute. Früh morgens (sehr kurzfristig und mit wenig Aussicht auf Erfolg versehen) also George angeschrieben, der 72 Jahre jung ist und sein Haus in Masterton stehen hat. Die Antwort kam prompt: Klar könnten wir kommen, er müsse allerdings zum Bridge und wäre von 17-22 Uhr außer Haus und wir müssten alleine klar kommen. Wow! Von solch einer offenen Gastfreundschaft waren/sind wir hin und weg. Er ließ es sich auch nicht nehmen, noch ein Abendessen für uns vorzubereiten (Roastbeef mit Kartoffeln und frisch geerntetem Gemüse), dass wir uns dann genüsslich einverleibten, während das Feuer in seinem Kamin vor sich hin flackerte. Draußen regnete es ordentlich, wenn auch nur für eine halbe Stunde! Gegen 22 Uhr kam George zurück, glücklich beim Kartenspiel im Mittelfeld der Teilnehmer gelandet zu sein, und wir redeten noch angenehm bei einer Tasse warmer mexikanischer Schokolade. George ist ganz schön in der Welt rumgekommen und so waren seine Geschichten und Eindrücke auch äußerst interessant. Natürlich stand morgens auch schon das Frühstück für uns bereit und wir konnten noch etwas austauschen, bevor sein Chef anrief (er arbeitet tatsächlich noch :-/) und fragte, ob er denn heute überhaupt nochmal käme. Mit einem verschmitzten Lächeln eines bewusst Säumigen machte er sich dann auf den Weg zur Arbeit, ohne es zu versäumen, uns sein Ferienhaus am Lake Taupo anzubieten… Eine herrlich motivierende Erfahrung, die uns sehr eindrücklich begleitet.

Zeichen für Abbruch?

o ja             o nein                o vielleicht (Zutreffendes bitte ankreuzen)

Zeichen drei: „Defekte“ und Randale

Eiskunstlauf, Geräteturnen, Turmspringen etc. – alles Aktivitäten, in denen Salti, Drehungen und was auch immer zum Ausdruck von Professionalität und Eleganz dienen und schwer beeindrucken. Ganz und gar nicht prickelnd ist es, wenn eines unserer Reiseräder spontan Ambitionen hegt, diese Bewegungsabläufe nachzuvollziehen, obwohl es doch sicher am Baum geparkt schien. Hammelinchens Karre hatte nichts besseres zu tun, als sich mit offenen Pack- und Lenkertaschen mit einem Salto mortale einen Abhang hinunter zu stürzen, während wir uns der Kulinarik zuwendeten. Was n Spaß, im Halbdunkel den Karren ausm Dreck zu ziehen, ohne dass etwas verloren geht. Zum Glück waren wir erfolgreich und kalt war uns danach auch nicht mehr. Das Radel läuft, aber muss denn sowas sein?!

Morgens um zehn, gut geschlafen in einer ruhigen Nacht, fernab der Zivilisation auf einem schönen Radweg, der früher als Eisenbahnstrecke diente, Käffchen, Brot mit Salami und der Regen des letzten Tages wurde von strahlendem Sonnenschein abgelöst. Ich schwöre, mein Rad stand sicher und stabil! Auch ein Abhang war nicht in Sicht. Umgefallen ist es trotzdem. Klar, dass man das Handy nicht unbedingt auf den Sattel legen sollte, aber warum muss die Bude denn umkippen? Resultat: Das Handydisplay hat jetzt nen gehörigen Sprung und die Windjacke, die über den Lenker gehangen in der Sonne trocknete, wurde martial durchlöchert und darf jetzt mit schwarzem Panzertape als Trostpflaster vorlieb nehmen… So muss ein Tag beginnen :-/ !

Ist es Ironie? Hammelinchen nutzt mitunter einen ihrer Schalthebel auch mal als Haken für diverse Ausrüstungsgegenstände. Mein Schalthebel für den Umwerfer wird ausschließlich für seinen ihm zugedachten Zweck genutzt. Welcher geht kaputt? 😉 Exakt! Naja, wenigstens weiß ich jetzt, wie das System funktioniert, konnte es nach einer einstündigen Bastelaktion zumindest wieder in den Zustnd versetzen, der es erlaubt, dass es funktioniert und ich der Option des Schaltens nicht entbehren muss…

Der der verspätete Start in den Tag auf einer grandiosen Route 52 (absoluter Radeltipp von uns) wurde zunehmend zur Herausforderung durch sehr hügeliges/bergiges Gelände auf dem Weg zur Küste und dramatisch verkürzter herbstlicher Tageszeiten. Wir erreichten einen idyllischen Campspot am Meer bei einsetzender Dunkelheit. OK, Zeltplatzsuche! Irgendwann haben wir einen gefunden, das Zelt aufgebaut und uns der Kulinarik gewidmet. Und mal wieder: beschissenes Erlebnis! Es gibt ja Stimmen, die behaupten, Vögel würden Menschen nicht absichtlich mit ihren Exkrementen bekleckern. Ich bin da ganz anderer Meinung und unterstelle eindeutig Vorsatz! Jacke voll, Topfrand voll, Zelt voll! Lecker!

Problem erkannt, Gefahr gebannt? Mister Mutton wird aktiv, er greift zum Stöckchen (ehrlich, nur ein kleines leichtes Stück Holz) und versucht sich der kackenden Nachtruhestörer weiter oben im Baum zu entledigen. Das klappt zu 75%. Allerdings: aus mir völlig unbegreiflichen Gründen hatten Zufall, Schwerkraft und dieses dämliche Stöckchen nichts besseres zu tun, als uns einen circa 1,5 cm großen Cut ins Zelt zu basteln! Ganz großes Kino, Mister Mutton! Mal wieder einer dieser Tage (und Aktionen)! Einige Stimmen sprechen hier wiederum von Karma. Ich denke, dass war von vorn bis hinten von diesem Federvieh geplant wurde! Die verbleibenden 25% sorgten denn auch für guten Nachschub auf unserem Zelt, welches in der kurzen Zeit, in der wir in Neuseeland weilen, mehr gelitten hat, als in den Südamerikamonaten.

Zeichen für Abbruch?

o ja             o nein                o vielleicht (Zutreffendes bitte ankreuzen)

Die Zeichen der Zeit – ein Menetekel? Wir sind gespannt auf eure Bewertungen und begeben uns morgen dann endlich gen final destination. Ziel ist natürlich Auckland und die Vermeidung der Highways, wann immer wir können. Der Verkehr ist einfach grausig und die konzentrierte Ignoranz vieler Autofahrer geht uns einfach nur noch auf den Sender. Angst ist irgendwie kein guter Begleiter und was nützt es einem, wenn 90% der Verkehrsteilnehmer Vorsicht walten lassen, die restlichen 10% dann aber Russisch Roulette zu spielen scheinen.

By the way: gerade eben erreichte uns eine Mail der Firma, über die wir den Rückflug gebucht haben. Sie boten uns damals gegen einen Aufpreis an, statt der zwei vier Gepäckstücke aufgeben zu können. Super, die Bikes können also mit! Mmmh, jetzt haben sie bemerkt, dass dies nicht so einfach sei und wir doch bitte das dritte und vierte Gepäckstück gesondert einchecken sollen, sie uns dann die Mehrkosten erstatten wollen… . Ein Zeichen?

19 Tage bis Auckland. Dank spannender Streckenvorschläge des Kiwis Carl steht uns für den Rest der Zeit ein echtes Kiwiabenteuer fernab der bösen Highways bevor. Es geht erstmal ab zur Westküste und dann „rauf“ nach Auckland… . Mindestens dieses Zeichen haben wir erkannt: Die Reise nähert sich ihrem zwangsläufigen Ende und eine Zäsur steht bevor. Also auf zu neuen Ufern und bis demnächst,

die Muttons!

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