Statusbericht: kurze Hose, T-Shirt, eine heiße Tasse Kaffee, wohlige Wärme, gesättigt ob üppiger Mahlzeiten, ein mit blühenden Pflanzen versehener Hof eines guten Hostels in Salta, Entspannung pur! Das sind die Rahmenbedingungen, unter denen dieser Artikel verfasst wird. Sommerurlaubsfeeling zur Weihnachtszeit in Argentinien? – Genial und wohl verdient!

Seit nunmehr drei Tagen entspannen wir in vollen Zügen hier in Salta, nachdem uns der letzte große Andenpass unserer Reise wieder so Einiges abverlangt hat. Der Paso (de) Sico von Chile nach Argentinien wartete mit so einigen fantastischen Eindrücken aber auch so manchen Herausforderungen auf und diente somit gleich noch einmal als Zusammenfassung der letzten Monate.

Dem Hammelschen Wohlbefinden sehr entgegenkommend, empfing uns die Atacamawüste mit Temperaturen oberhalb der 20-Grad-Marke und es war gar nicht so leicht, sich nach überstandenem Lagunenroutenintermezzo wieder auf die Socken zu machen, um sich erneut den frischen Andenwind kräftig um die Nase wehen zu lassen. Aber was hilft es?!? Die Räder wollen bewegt werden – wer rastet, der rostet :-)!

Da es in Chile zur gleichen Zeit noch einmal eine Stunde später als in Bolivien ist (häääää????:-)), gestaltet sich der Aufbruch in San Pedro sehr ausladend langsam – macht ja nix… Ist doch jetzt ne Stunde länger hell, gelle? Der Wecker klingelt um sechs, der Plan besagt: Aufbruch gegen halb acht, die Realität zeitigt einen Start um zehn!!! Das nenn ich mal ne eigenständige Dynamik :-)! Irgendwie muss man ja auch darauf reagieren, dass bei Ankunft an der französischen Bäckerei die ofenfrischen Schoko-Croissants noch etwas Zeit brauchen, um verkauft zu werden und wir aufgrund delikatester Sinneswahrnehmungen geradezu gezwungen sind, mit köstlichen Baguettes, Avocados, Salz und Eiern ein ausladendes Frühstück einzunehmen. Soll man sich dagegen wehren? Wir schafften es nicht!

Irgendwann schaffen wir den Absprung dann doch und radeln bei bewölktem Himmel (nicht ganz verkehrt in dieser Gegend) und einer gut geteerten Straße gen Süden. „I love this country!“ – Ein Rastplatz (sic!) unter Bäumen, gepflegt angelegt nach circa 20 Kilometern? Da sagen Campbell und die Muttons definitiv nicht NEIN und legen erstmal eine zünftige Kaffee-Pause ein! Ist doch ne Stunde länger hell, gelle?! Chile bringt es, fakt!

Mit Toconao ist das nächste Dorf dann auch nicht weit und lädt die Herde doch glatt 45 Minuten zum Verweilen ein… Hitze macht träge, Abhilfe schaffen Kaffee und Eis und Cola und …

Tja, irgendwann geht es dann auch für uns weiter und wir bekommen die Quittung für unseren Schlendrian präsentiert. Der Wind wird stärker und ist keiner im Rücken… Naja, man kann eben nicht alles haben… ! Nach „ein paar“ weiteren Kilometern beziehen wir einen (in dieser Region wohl nicht allzu gewagten) Campspot in einem trockenen Flussbett und dürfen einen wunderbaren Sonnenuntergang genießen. Die beißenden Sandfliegen trüben den Abendspaß dann aber doch etwas mehr als erwartet… In den Höhen gab es sowas Nerviges nicht!


Der nächste Tag begrüßt uns gleich zu Beginn mit wolkenlosem Himmel und einem satten Uphill unter stetig stärker werdendem Wind von schräg vorn. Wir wühlen uns den ganzen Tag bergauf, um uns am späten Nachmittag auf circa 4000 müN wiederzufinden, wo es mit der Wärme definitiv vorbei ist. Der Wind bläst gehörig und wir basteln das Zelt hinter einen großen Stein, um diesem kräftezehrenden Umstand effektvoll entgegenzutreten – klappt semioptimal, aber wir nehmen, was wir kriegen können. Und so freuen wir uns auch über den Umstand, dass am nächsten Morgen der Inhalt unserer Radflaschen auch nur halbgefroren ist und dem morgendlichen Kaffeegenuss nur die gefühlte Kälte etwas entgegensteht, weil just bis zum Aufbruch die Sonne hinter kleinen Wolken Verstecken spielt.


„Dafür dreht doch heute die Strecke gen Westen ab und wir haben Windsupport von hinten.“ – Naja, halbrichtig, denn die kleinen Schwenkungen der Strecke übersieht mal schnell, was sind auch drei Kilometer?! Mit stürmigem Seitenwind auf Schotter und ggf. bergauf ne ganze Menge Holz! Dafür entschädigt die Landschaft um ein Vielfaches! Das natürliche Farbenspiel ist einmalig – uns wird in solchen Momenten immer wieder bewusst, dass es ein Privileg ist, hier zu radeln, wenn man es sich auch etwas härter erarbeiten muss. Am Abend kommen wir dann in den Genuss stabiler schützender vier Wände, denn die beiden Aufpasser für die vorübergehend stillgelegten Mine El Llaco sehen absolut kein Problem darin, uns die dortigen Räumlichkeiten inklusive Wasser und Küchennutzung zur Verfügung zu stellen. Auf knapp 4500 müN ist das echt ein Refugio deluxe und wir lassen uns nicht zweimal bitten… ! Herzlichen Dank dafür! Wäre so etwas in Deutschland denkbar?


Tag drei – der Schlendrian muss uns irgendwie aufgespürt haben … Naja, wir haben ihn auch geradezu eingeladen, denn wir nahmen das Grenzhaus auf argentinischer Seite „kurz“ nach dem Paso (de) Sico als heutigen Schlafplatz ins Visier… Aber dort schon mittags anzurücken, um nicht wieder abzurücken, wäre schon etwas dreist, oder? Also: Strategiebesprechung … Radeln von 9 Uhr bis 10:30 Uhr – Pause bis 14 Uhr in der Sonne kurz vor dem Paso (de) Sico und dann ab dafür nach Argentina! Geplant und umgesetzt! And by the way: Planänderung beschlossen – es geht nach Salta und nicht direkt auf der Ruta 40 gen Cafayate. Wir wollen jetzt endlich mal wieder Wärme und Zivilisation! (Pausen können fruchtbar sein 🙂 und es ist retrospektiv durchaus interessant und spannend, wie diese mögliche Änderung der Reisepläne mit immer besseren Argumenten gestützt wurde!)


Dann noch mal schnell den Pass erklimmen und an der chilenisch-argentinischen Grenze hinter einem windschützenden Erdhaufen ein Päuschen eingelegt, um dann nach Tagen verwöhnender Straßenbelagslage dem (hervorragenden) Nachtdomizil entgegenzuhoppeln! – Die Chilenen legen scheinbar sehr viel Wert und Geld darauf, an ihren Grenzen (seien sie auch noch sonst so unfrequentiert) ihren Wohlstand zu dokumentieren, denn die letzten Kilometer Straße im Land sind in besonders gutem Zustand und der Übergang SEHR holprig … . Vorsatz? Möglich! Aber in jedem Fall nervig, denn so kommt man wieder in den vollen „Genuss“ einer Andenpiste ersten Ranges :-/! „Do we love this new country? We will try, but it is not easy!“
Der erfreuliche konstante Rückenwind und die Natur sind allerdings über jeden Zweifel erhaben, nur ertappen wir uns jetzt dabei, das Radeln in diesem Ambiente als nahezu normal anzusehen. Die fantastische Landschaft? – Nüscht Neues! Mmmh.


Im wahrsten Sinne des Wortes wühlen wir uns in der ersten Hälfte des Folgetages eine kleinere Anhöhe hinauf, um gegen Nachmittag das erste argentinische Dorf, Olacapato, zu erreichen. Das soll Argentinien sein? Uiuiui! Na das kann ja was werden … sind wir doch bei diesem Anblick eher an Bolivien erinnert. Versöhnlich stimmt uns unser idyllischer Campspot in einem kleinen Canyon nahe des Dorfes… .


Aber es wird kontinuierlich besser. Am nächsten Tag kommen wir in den Genuss von abermaligem Rückenwind, einer besseren Piste, zunehmender Wärme und der Kleinstadt San Antonio de los Cobres, die zwar keinen Schönheitswettbewerb gewinnt, sonst aber mit allen wichtigen Eigenschaften aufwarten kann, die das Leben annehmlich machen (nach den letzten Tagen). Vorher erklimmen wir allerdings noch in vollstem Genuss unseren letzten hohen Andenpass auf 4560 müN – Alto Chorrillo, um uns dann einem feinen Downhill auf 3800 m hinzugeben. Nicht der schlechteste Tag!


Ok, jetzt stehen „nur noch“ 168 km nach Salta an, welches sich auf circa 1100 müN befindet. Geht doch eigentlich nur bergab, oder? Und außerdem haben es die Argentinier (fast) geschafft, den Weg dahin vollständig zu asphaltieren. Nun gut, der kleine Pass Alto Blanca mit 4080 müN liegt noch dazwischen – aber der wird doch auf einer asphaltierten Straße mit Rückenwind in zwei Stunden weggelächelt :-)! Klingt einfach???? Ganz und gar nicht!!! Wiedermal vermochte es die Meute nicht, ihre müden Knochen zeitig aus dem Bett zu schälen, um diese Etappe in Angriff zu nehmen – und dass wider jeglicher Ratschläge von Akteueren, die diese Strecke schon absolviert hatten. Da heißt es beispielsweise sinngemäß, wer nach Salta wolle, solle so zeitig wie möglich los, um dem ab dem Pass sehr stark wehenden Gegenwind, welcher gegen 11 Uhr einsetzen würde, zu entgehen… „So schlimm wird das schon nicht! Und außerdem müssen wir das ja nicht innerhalb eines Tages schaffen, gelle?“
Kurzum: We did it! 168 km straffes Radeln mit extremen Gegenwind im Mittelteil, der uns einiges an Nerven und Kraft kostete, aber nicht verhindern konnte, dass wir an diesem Tag wohl unsere längste Etappe der Reise bestritten (haben werden) – voraussichtlich :-)! Great job!


In Salta angekommen, wird nach einer gründlichen Reinigungsaktion zünftig gespeist! Ein halber Meter Pizza ist aber für Mister Mutton an diesem Abend ein zu großer Brocken, nachdem uns der Kellner als Vorspeise den Korb mit dem frischen Brot immer wieder auffüllt und auch die Dips in ihrer Fülle nicht versiegen wollten. Genial üppige Portionen, die sich auch beim Frühstück im Hostal fortsetzen: WE LOVE THIS COUNTRY!!!! 🙂

Mit Salta ist nun auch ein Wendepunkt der Reise gesetzt! Wir gehen jetzt mehr in den klassischen Reiseradelmodus über, haben wir doch die ganz großen Höhen (und somit auch die fordernden knackigen langen Anstiege) wohl endgültig hinter uns und folgen jetzt erstmal relativ lange der Ruta 40, die bei einigen Reiseradlern als „langweilige Präriepiste“ verschrien ist, und schon gern mal mit der Empfehlung des Busnehmens versehen wird. Kommt für uns nicht in die Tüte. Wir radeln… ! Pisten und Wind werden uns definitiv nicht erspart bleiben, aber sie sind ja auch die Würze der Reise :-)!

Noch knapp 5200 km bis Ushuaia – nächstes Etappenziel: Mendoza. Projekt: Weihnachten! 🙂 Die Cusco-Connection hat sich entschlossen, das Fest gemeinsam zu begehen! Ferienhaus oder Campingplatz? – Uns wird schon was einfallen!

Adios und beste Grüße in die Vorweihnachtszeit senden die Muttons!

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