5:15 Uhr (was sind das hier in Südamerika eigentlich immer für Zeiten?!) werden wir jäh von einem näherkommenden Dröhnen geweckt. Die Sonne ist gerade im Begriff, die Nacht zum Tag zu machen, als uns ein Schicksal widerfährt, was bei uns ein mit Lachen versetztes Kopfschütteln auslöst und uns binnen kürzester Zeit die Flucht ergreifen lässt …

Wir befinden uns an der Nordseite der Insel Incahuasi, einer mit Kakteen versehenden Oase inmitten des größten Salzsees der Erde, dem Salar de Uyuni. Mister Mutton streckt leicht verpennt seinen Kopf nach oben in die kühle Luft, um der Ursache dieses unsanften Weckrufes auf den Grund zu gehen. Über den Windschutzrand des Innenzeltes blickend, entdeckt er mit leichtem Entsetzen eine Armada von Geländewagen, die sich frühmorgens, vollgepackt mit Touristen, auf den Weg zu diesem Hotspot gemacht hatten. „Na herzlichen Dank auch! Gemütliches Ankommen im Tag können wir jetzt wohl vergessen!“ Hammelinchen ist es an dieser Stelle noch leidlich egal, was da vor sich geht und quittiert die Hammelche Wachsamkeit mit einem müden Gähnen. Gleich darauf schickt sie sich an, einfach weiter zu schlafen.

Doch ihre Geruhsamkeit währt nicht lange… Zehn Minuten später lässt einer der Jeepfahrer jegliches Gespür für Distanz vermissen und parkt seine Dreckskarre circa zehn Meter neben unserem Zelt (trotz ausreichender Parkplätze in weiterer Entfernung, um seinen Touri-Hanseln sodann ein Frühstück neben ebendieser zu servieren. Die glotzen auch gleich recht ungläubig aber penetrant interessiert, was wir da so machen… Spitze, so wird man mal eben zur kleinen Attraktion am Rande und bekommt ein Gefühl dafür, wie sich beispielsweise Affen im Zoo fühlen müssen, wenn andere Individuen sie pausenlos anstarren.

Während Mister Mutton bereits gedanklich an einer Strategie arbeitet, wie er elegant in seine Klamotten schlüpfen kann, ohne dass die ungebetenen Zuschauer gleich vor Neid erblassen :-), trotzt die Misses noch immer dieser sehr bizarr anmutenden Szenerie. Erst als die ersten Touris anfangen, wild an unserem Zelt vorbei zu trampeln, natürlich nicht ohne den einen oder anderen Blick zu riskieren, wird es ihr zu bunt und sie steht vor dem gleichen Problem…
Wir meistern diese frühmorgendliche Herausforderung letztlich relativ souverän, können uns aber ein lachendes Kopfschütteln nicht verkneifen und nehmen die interessierten Blicke bewusst konfrontiv auf, was für dann für teilweise irritiertes schnelles Wegschauen sorgt. GUT SO!!!

Was machen die eigentlich alle hier zu dieser Zeit?! Na klar, der Sonnenaufgang vor dieser Kulisse ist ein klasse Erlebnis. Da wird eben gegen drei Uhr in Uyuni aufgestanden, um sich durch die Salzwüste gen Insel fahren zu lassen. Man erklimmt dann die Insel für schlappe 40 BOB, macht n Foto und verzieht sich dann fix wieder in die Karre, um zurück nach Uyuni oder weiter zur Lagunenroute zu fahren… ODER: Man frühstückt und glotzt dabei das Alternativprogramm … Wir sind ja auch irgendwie selbst schuld, einfach an solch einem Spot zu campen! Gegen Nachmittag wiederholt sich dann das ganze Programm, denn es gibt ja auch noch den Sonnenuntergang, der an diesem Ort zugegebenenermaßen wundervoll ist…

Jupp, wo waren wir? Ah, genau … Elegant in unsere nicht so elegante, weil schmutzige Kleidung geschlüpft, sind wir nun bemüht, unseren Krempel schnell zusammenzupacken und das Weite zu suchen. Das Frühstück fällt knapp aus (Haferbrei muss reichen) und dann nüscht wie los… Erstaunlich ist, dass gegen 7:30 Uhr fast keine dieser Blechkarren mehr zu sehen waren… Egal, heute steht die dritte und letzte Etappe auf den Salzseen an und wir dürfen wieder in einer unglaublichen Kulisse pedalieren. Die unfassbare Weite ist schwer in Worte zu fassen, und das Gefühl, trotz ständigen Pedalierens irgendwie an Ort und Stelle zu bleiben beziehungsweise nicht voran zu kommen, ist allgegenwärtig.

Um so schöner ist es, dass wir in netter Begleitung radeln dürfen und neben Campbell, mit dem wir seit Sajama wieder unterwegs sind, erweiterten ab der Isla nun auch Vicky und Neil die radelnden „Cusco-Connection“! Da ist auch der Gegenwind nur noch halb so lästig! (Naja, vielleicht ein bisschen mehr…)

Seit zwei Tagen sind wir in dieser Gegend unterwegs und querten zuerst den nordwestlich gelegenen Salar de Coipasa. Während wir dies taten und neben allerlei perspektivischen Spielereien auch in den Genuss besten Wetters, einer guten Untergrundbeschaffenheit und des Anblicks idealtypischer Flamingos kamen, kam Hammelchen auf die „glorreiche“ Idee, den Weg zur nächten Siedlung doch direkt zu nehmen und nicht der Piste zu folgen, die ein klarer Umweg zu sein schien… Hier folgt das klassische „Die Rechnung ohne den Wirt gemacht!“, denn schon bald verwandelte sich der Untergrund in eine sagenhaft bescheiden zu befahrende Salzkrustenlandschaft, die die Nerven zunehmend blank liegen ließen. Zunehmend angep… durch die Gegend hoppelnd registrierten wir zu unserere Rechten imposant anmutende, sandgeladene Windhosen… ein schönes Naturschauspiel, wenn da nicht …. Shit, das Zeug weht in unsere Richtung!!!! SUPER!!!

Der ab circa 15 Uhr einsetzende Wind leistete ganze Arbeit und kostete uns an diesem und dem nächsten Tag ordentlich nerven. Und da dies natürlich nicht genug ist, wurden wir nach dem Verlassen des Salzsees auf dem Weg nach Llica mit einer Sandpiste der übelsten Sorte konfrontiert. Am nächsten Tag war also erstmal ein dreistündiges Schieben angesagt, welches Muskeln ansprach, die die Wochen zuvor sträflich vernachlässigt worden waren und die ihren Adhoc-Einsatz mit ordentlichem Schmerz quittierten. Zwei Stunden für vier Kilometer?!?! Herzlichen Glückwunsch!!!

Aber es sind vor allem solche Passagen, die sich als Erinnerung einbrennen und einem immer wieder bewusst machen, wo man sich eigentlich befindet.
Unter Schwerstarbeit erreichten wir nach 38 Kilometern das Nest Llica, von dem wir am Folgetag auf den Salar de Uyuni aufbrachen und ein Radeln der Sonderklasse erleben durften.

Am dritten Salzseetag weicht die Faszination dann letztlich ein wenig der Ödnis und man verspürt das immer dringendere Gefühl, endlich mal wieder „weiterkommen“ zu müssen!

Dennoch ließen wir uns nicht von der Idee abbringen, eine Nacht inmitten des Salzes zu verbringen und unter freiem Himmel, einzig in unsere Schlaftüten und nen Biwacksack gewickelt, diese Aura zu genießen – alles in allem ein geniales Erlebnis, was einem deutlich macht, dass es nicht viel braucht, um glückliche Stunden zu erleben. Aber der morgentliche Kaffee ist obligatorisch!
Nach Uyuni sind es dann nur noch ein paar Meter und wir genießen zweieinhalb Tage die Annehmlichkeiten einer Stadt, die definitiv keinen Schönheitspreis gewinnt, aber als Ruheort zur Vorbereitung auf die Lagunenroute sehr geeignet ist.

Und eine durchaus auch mental reinigenden Wirkung kann es haben, Rad, Packtaschen und Radelmuttons von der dicken Salzkruste zu befreien, die sich unaufhaltsam auf allem Kram angesammelt hat! Vier Stunden sind da nix!!! (aber kann man schon mal machen 😉 ) Und die Wäscherei hatte das zweifelhafte Vergnügen, unsere Klamotten nach xy Tagen/Wochen/Monaten?! gründlich durchzuspülen… Wir duften wieder wie der Frühling …

Das neue Abenteuer wartet: Mit 3,2 kg Spaghetti, acht Packungen Keksen, einer Menge Haferflocken, Schokolade, Instantnudeln und noch anderen Krams begeben wir uns in wenigen Stunden auf die legendäre Lagunenroute durch den Südwesten Boliviens, um in circa acht Tagen einen neuen Einreisestempel im Pass zu haben: Chile wird uns mit der Atacama-Wüste begrüßen, nachdem wir uns durch sandige und hohe, wenn auch atemberaubend schöne Landschaft GEWÜHLT haben werden.

Das kann was werden – so oder so!

Adios und bis demnächst – die Muttons

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