Wir verweilen gerade in Junin, einem Ort an der PE 3 N, der so gar nicht auf unserer eigentlichen Route liegt. Wie konnte es nur soweit kommen?! Die Great Divide Peru wurde ad acta gelegt. Sind die Muttons zu Warmduscherasphaltreiseradlern geworden, die die Mühen in den Höhen scheuen?

Nun mal langsam! Erstens liegt Junin auf gut 4135 müN und zweitens ereigneten sich zwischen dem beschriebenen Ausgangspunkt des letzten Beitrages und dem heutigen Resultat Geschehnisse, die das Potential in sich bargen, die Muttons an den Rand des Wahnsinns zu treiben!!! Eins steht fest. In den letzten Tagen lernten wir ein anderes Peru kennen. Völlig anders als das, was Tage vorher unsere Eindrücke definierte. 

Steigungen sind ein signifikantes Wesensmerkmal der peruanischen Landschaft. Entweder geht es bergauf oder bergab, und das mitunter heftig. Soweit, so gut! Auch die Pisten, die sich oft in einem schlechten, oder sagen wir euphemistisch: anspruchsvollen Zustand befinden, sind Dinge, mit denen wir uns grundsätzlich abfinden. Nimmt man jetzt noch den Umstand hinzu, dass einem spätestens ab 4500 müN ganz schön die Puste (aus)geht, ist die tägliche Herausforderung, der wir uns wissentlich stellen, perfekt. Also geht es nach einem notwendigen Ruhetag in Oyon, das wir nach einer entspannten aber frostigen Wildcampnacht erreichen, wieder rauf auf den Bock, um die nächste anspruchsvolle Etappe in Angriff zu nehmen, die die Great Divide für uns parat hat: den Abra Rapaz, mit seinen 4936 m der höchste Punkt der bisherigen Tour. In Oyon werden noch die Vorräte aufgefüllt und dann stellen wir uns über sieben Stunden einem Uphill, der neben zahlreichen Serpentinen auch zahlreiche Insekten parat hat, die uns ans Leder wollen. Lamas/Alpacas/???, Esel und Schafe sehen teils irritiert, teils amüsiert aussehend, diesem Schauspiel zu. Sicher nicht zum ersten Mal. Vom allgegenwärtigen Staub und Dreck schreib ich schon gar nichts mehr, der ist hier Standard, denn Asphalt gibt es nur auf wenigen Hauptrouten.

Jetzt zieht es sich auf den letzten Metern auch noch zu, die Sonne verschwindet hinter den Wolken und in diesen Höhen (wir befinden uns bereits auf 4700 müN) wird es schlagartig empfindlich kalt. Die Temperaturen fallen in den mittleren einstelligen Bereich. Die letzten Reserven müssen mobilisiert werden. Schnell noch einen Schokoriegel vernichtet!!! Und n Keks! Es ist kurz nach halb fünf und wir wollen unbedingt noch über den Pass. Nächtigen in solchen Höhen ist dann doch zu unangenehm, obwohl gekühlt gelagert länger hält ;-).

Noch 2 Kilometer! Hört sich nicht viel an, sie sind aber im Rahmen von Höhe, Steigung und Witterung ein ordentliches Stück Arbeit! Wir nähern uns dem letzten Highpoint, bevor es in den finalen Anstieg geht. Einmal um die Kurve und dann… WAS ZUM GEIER IST DENN DAS???????!!!!! Ein Zaun, ein Schild, ein Ambiente – zusammen eine Trias, die uns unweigerlich klar macht, dass es kurz vorm Ziel hier für die Muttons auf gar keinen Fall weitergeht. Ein Minengelände versperrt uns den Weg, auf dem es kein Durchkommen gibt. Jetzt wissen wir auch, warum weiter unten a) die Piste sehr gut präpariert worden ist, un b) warum so viele Arbeiter mit ihrem Rest beschäftigt waren. Sahen sie sich genötigt, uns vielleicht einen kleinen Hinweis zu geben, was uns oben erwartet???? NEIN!!! Stellt man ggf. ein Schild auf, was schon am Beginn des Anstiegs deutlich macht, dass es sich um eine Sackgasse handelt? Mitnichten!!!

Mit einer Mischung aus Erschöpfung, Frust, Verzweiflung und agressiver Wut treten wir den Rückzug an.  Die Finger sind klamm und die metallenen Bremsgriffe bei der Abfahrt ein besonderes Vergnügen. Dunkel wird es auch gleich, ein Schlafplatz muss her. In „letzter Sekunde“ finden wir einen herrlichen Spot, der die Verärgerung über den Verlauf des Tages dennoch nicht so richtig zu kompensieren vermag! Fahr ich gleich noch mal ein Stück bergab, um den dämlichen Straßenbauern die Luft aus ihren Autoreifen zu lassen? Idioten!!!

DIe Nacht ist wie immer lang (18 Uhr geht die Sonne schlagartig unter, um erst gegen 6 Uhr morgens wieder zu erscheinen) und frostig. Genügend Zeit, um in der warmen Schlaftüte gründlich darüber nachzudenken, wie es weitergeht. Welche Wegvarianten gibt es? Welche ist die beste? Nach Oyon müssen wir aber definitiv zurück, Vorräte auffrischen. Sonst wird es wieder zu puristisch.

Die Motivation auf einen Umweg mit der Aussicht auf einen Sonderanstieg von 2100 auf 4800 m, nur um die eigentliche Route fortzusetzen, hat deutlich gelitten. Stehen wir vielleicht am nächsten Pass vor der gleichen Problematik? Dann könnte ich für nichts mehr garantieren. Das Hammelchen würde zur Bestie! Aber verpassen wir denn dann nicht geniale Landschaften und Eindrücke? Planabweichung, geht das?!?

Es gewinnt langsam aber sicher die Option, der wir letztlich den Vorrang gaben, die Überhand: Ab auf die PE 18 nach Nordwesten, nach Cerro de Pasco, um von dortaus weiter nach Süden vorzudringen. Wir kompensieren dadurch den Zeitverlust ein wenig und entgehen auch der Gefahr, dass wir den Hungertod erleiden, weil unser mittlerweile durch die Flammen des Kochers stark ramponierter Topf (wird demnächst ersetzt!!!) uns durch seinen etwaigen Totalausfall keinerlei Nahrung mehr zubereiten ließe. Man sieht schon hier: Sachzwänge!!! 🙂 (Nix Warmduscher!!!) Wir vertagen die Entscheidung, die uns definitiv nicht leicht fällt, letztlich auf den nächsten Tag. Um 12 sind die Würfel schlussendlich gefallen.

Dass uns auf dieser vermeintlichen Entlastungsvariante wiederum erhebliche Widrigkeiten bevorstehen würden, die das Nervenkostüm der Herde fast vollends zum Zerreißen gebracht hätten, war uns da noch nicht bewusst… . Mister Mutton musste erstmal mit der Planänderung Frieden schließen, ist es doch eigentlich so gar nicht sein Ding!!!

Gespannt, wie es weitergeht?! Fortsetzung folgt! 🙂

Na dann mal gute Nacht!

 


 

Advertisements