Es muss ein basales Informationsdefizit vorliegen! Anders können wir uns den Umstand nicht erklären, dass uns ständig Steine um die Ohren fliegen, und zwar von (Achtung Karikatur) den (Pseudo)Geländewagen der meist oberlippenbärtigen, mit Pornobrille versehenen Mittfünfzigern, die sich aufführen, als wären sie Teilnehmer der Rallye Dakar und hätten nur den Hauch einer Chance, irgendetwas mit ihren rudimentären Fahrskills zu gewinnen. „Mutti“ auf dem Beifahrersitz ist allerdings eh meist unbeeindruckt am Pennen, während „Vati“ gerade mal wieder den Liberalismus völlig falsch interpretiert und meint: „Ich kann, also darf und mach ich das auch!“

Leiden eins:

Hallo!!!! Die Dakar suchte sich ihren Weg durch Bolivien und dort haben die FahrerInnen ihre Vehikel auch unter Kontrolle! Hier kommt es allerdings vor, dass einem auf einer engen, kurvigen und steilen Piste ein Vierrad (Busse, LKW, SUV, Pickups, …) entgegengerast kommt, was gerade am unkontrollierten Ausbrechen ist, um einen von der Straße zu räumen, weil „Paps“ ja nicht damit rechnen konnte, dass auf einer der beliebtesten Radlerstrecken ausgerechnet IHM ein paar Radler entgegenkommen… Oder ist es ihm einfach sch…egal?! Etwas Schotter, Rollsplit oder Wellblechpisten vertragen sich mit dem Umstand idiotisch überhöhter Geschwindigkeit so gar nicht und treiben uns ein ums andere Mal die Schweißperlen auf die Stirn und die Hand zu einer hier nicht zu definierenden Geste in den Himmel. Ist aber eh egal, denn der Staub, der einen nach solch einer Aktion mindestens eine Minute umhüllt, ist ein fantastisches Bindemittel für den Körpersaft und lässt auch jegliche Geste unsichtbar bleiben. Wir revidieren unsere Eingangsvermutung und plädieren auf … (wir glauben, jeder kennt die Lösung, denn so uninformiert kann man nicht sein) !!!

Leidenschaft eins:

Mit dieser Route setzten wir wahrlich ein weiteres Schmankerl auf unsere Reisestrecke, dessen Beradelung durch schier endlos erscheinende Berg-, Seen-, Wald- und Tierwelten ein echter Hochgenuss für die Hammelherde ist! Einfach grandios, in diese Landschaften einzutauchen, sich hinter jedem Anstieg überraschen zu lassen, mit welchem Blick sie als nächstes aufwartet, um sich abends an einem geeigneten Campspot nieder zu und den Tag mit Pasta, Tomatensauce und Hartkäsegranulat ausklingen zu lassen. Skaninavisches Flair vom feinsten – lange Tage inklusive!

Leiden zwei:

„Chilenisch Patagonien – eines der regenreichsten Gebiete der Erde!“ Holla die Waldfee, wenn es hier schüttet, dann aber ordentlich und es bleibt kein Auge oder anderes Körperteil trocken. Ohne Überzelt zu schlafen, ist Harakiri, eine kritische Zeltplatzwahl obligatorisch. Wer will schon nachts absaufen oder auf einem über kurz oder lang undichten Wasserbett schlafen? Tagsüber machen Pausen keinen Sinn, weil man sich nach zehn Minuten eh den Allerwertesten abfriert, während man schlotternd das Pausenbrot mümmelt.

Allerdings kann vor allem Hammelinchen dank dieses Umstandes das ein oder andere Mal ihrer Leidenschaft (zwei) ohne die vermiesende Wirkung Mutton’scher Antreiberei hingebungsvoll frönen und genüsslich den dämlichen Wecker abstellen, um einfach weiterzudunzeln, wenn es mal wieder kübelt. Und überhaupt: Unsere Tage beginnen in letzter Zeit doch relativ spät… zehn Uhr ist da mitunter gar nichts 🙂 Zum Antreiben bleibt in den Abendstunden dann auch noch genug Zeit für Mr. Mutton :-). Aber wenn man durch das Geräusch der Regentropfen auf dem Zeltdach geweckt wird, fällt es auch mir leicht, mich noch einmal herumzudrehen, nachdem ich penibel gecheckt habe, ob meine Schuhe auch ja UNTER dem Außenzelt stehen.
OK, so mies, wie das hier klingt, ist das Wetter für uns bisher insgesamt gar nicht. Wir hatten zwar ordentliche Regentage (beispielsweise 74 km im Starkregen nach Coyhaique) und -nächte, aber alles in allem ist uns das Wetterglück bisher überwiegend ein guter Begleiter gewesen (fingers crossed, dreimal auf Holz geklopft, dass es so bleibt). Andere Reiseradler haben uns da schockierend andere Dinge berichtet. Drei Wochen im Dauerregen?! 😦

Leiden drei:

„STRASSENKONSERVIERUNG“ – Der Euphemismus der Route… Echt jetzt?! Kann uns einer erklären, warum faustgroße Schottersteine unbedingt nötig sind, um eine Piste zu erhalten? Vor allem, wenn die motorisierten Dinger diese sofort an den Rand manövrieren, wo sie zur wahren Herausforderung für jeden Radler werden. Während man auf ebenen Strecken über dieses Elend nur meckert und einem mehr und mehr die Körner ausgehen, kann man das im Up- und Downhill vergessen, denn man braucht seine ganze Energie dafür, im Sattel zu bleiben und nicht unfreiwillig abzusteigen. Kurven machen unter diesen Bedingungen noch dreimal mehr „Spaß“.
Es gibt natürlich auch sehr gute Pisten- und Asphaltabschnitte, letztere sind allerdings seit Villa Cerro Castillo vollends passé.

Leiden(vier)schaft(drei):

Des einen Freud, ist des anderen Leid! Manchmal ist die eigene Freud auch das eigene Leid – kommt ganz auf die Tagesform an… Und wir müssen sagen, die Carretera Austral hat es, was das Auf und Ab der Strecke angeht, so richtig in sich. Wir haben das Gefühl, es gibt nur das eine oder das andere… Ebene Strecke? Die absoute Ausnahme.

Kleiner Test für die Leserschaft gefällig? Bitte sucht euch ein mindestens zehnstöckiges Haus mit Fahrstuhl in eurer Nachbarschaft. Check? Sehr gut! Jetzt verbringt ihr bitte den Tag damit, die Treppen hinaufzusteigen (keine Angst, nicht zwei Stufen auf einmal, nur wer mag :-)) und mit dem Lift wieder nach unten zu fahren, um die Treppen wieder in Angriff zu nehmen und mit dem Lift wieder nach unten zu fahren, um die Treppen wieder in Angriff zu nehmen und mit dem Lift wieder nach unten zu fahren, um die Treppen wieder in Angriff zu nehmen und mit dem Lift wieder nach unten zu fahren, um die Treppen wieder in Angriff zu nehmen und mit dem Lift wieder nach unten zu fahren, um die Treppen wieder in Angriff zu nehmen und mit dem Lift wieder nach unten zu fahren, um die Treppen wieder in Angriff zu nehmen und mit dem Lift wieder nach unten zu fahren, um die Treppen wieder in Angriff zu nehmen und mit dem Lift wieder nach unten zu fahren, um die Treppen wieder in Angriff zu nehmen und……
Intervalltraining vom Feinsten! Das kann echt Spaß machen (unser Ernst!)! Aber irgendwann reicht es dann auch und man blickt erst aggressiv, dann irgendwann konsterniert oder apathisch drein, wenn nach der nächsten Abfahrt der nächste gemeine Anstieg im deutlichen zweistelligen Prozentbereich auf einen wartet, während die Beine noch der Meinung sind, dass Feierabend ist und stinkesauer reagieren (LAKTAT-OVERFLOW!!!)

Unser Urteil: Die Carretera „aus der Kalten“ heraus zu fahren, halten wir für keine gute Idee. Spaß hat man damit sicher nicht, außer, man kalkuliert mit 20 Kilometern täglich… Wir treffen hier tatsächlich einige, die sich sehr verkalkuliert haben. Kommt dann noch das schlechte Wetter oder ein Defekt dazu, ist der Ofen eh schnell aus… Hier zahlen sich die vielen Andenhöhenmeter der letzten Monate merklich aus. Allerdings tun 75 km am Tag mitunter ganz schön weh!!!

(Fremd)Leidenschaft vier:

Die Carretera Austral scheint eines der Backpacker-Highlights überhaupt zu sein. Wir bekamen im Zuge einer verregneten Mittagspause die Gelegenheit, in der Konversation mit zwei Mädels aus Israel der Sache mal etwas näher auf den Grund zu gehen. Es scheint innerhalb der israelischen Jugend den Trend zu geben, dass dieses Stück Weg nach der Armeezeit und vor der weiteren Ausbildung via Anhalter zurückzulegen ist. Spannend dabei: sie schleppen einen mindestens 85 Liter großen, bis zum Bersten gefüllten Rucksack mit sich herum, gecampt wird aber nicht… „Ist so ein Religionsding, versteht ihr?“, antworteten sie als wir fragten, wass denn da alles drin sei, wenn keinerlei Campingutensilien… Mammutsprojekt: für drei bis fünf Monate koscheres Essen zu transportieren, das kann zur Herausforderung werden, zeigt aber auch gewissermaßen Leidenschaft…

(Fremd)Leiden fünf:

Mit dem Ausruf „Backpackers paradise“ auf den Lippen, fahren wir jeden Tag an den Hotspots (vor Campingplätzen, Ortsein- bzw. Ortsausgang, Straßenkreuzungen) dieser Gesellen und Gesellinnen vorbei und finden keinen rechten Zugang zu dieser Art des Reisens per Anhalter. Da stehen die Jungs und Mädels den halben Tag teilweise zu zehnt an einer Bushaltestelle und halten den Finger eisern heraus, in der Hoffnung, irgendwann auf der Ladefläche eines Pickups durch Staub, Regen und Kälte in den nächsten Ort mitgenommen zu werden, wo ihnen die Kohle aus den Taschen gezogen wird und das Spiel von vorn beginnt… Hier ist Backpacker-Hochbetrieb, aber man sieht nur einen Bruchteil von ihnen wirklich mal ein Stück gehen… Lieber versucht man durch Alleinstellungsmerkmale die Herzen der Autofahrer zu erweichen, sei es eine chilenische Flagge an den Rucksack zu binden, flehend, winkend, lachend, frustriert weinend… am Straßenrand zu gestikulieren oder einfach seeeeehr kurze Hosen anzuziehen… Naja, vielleicht ist das alles gar nicht so leidvoll, wie es scheint, oder das Leid ist Teil der Sache?

Soooo, wir hoffen, einen kleinen Eindruck von dieser fantastischen Piste im Süden Südamerikas vermittelt zu haben und brechen in wenigen Stunden nach einem wohlverdienten Ruhetag in Cochrane in den wildesten Teil der Carretera auf. Villa O’Higgins steht hoffentlich noch und hat den enormen Waldbränden trotzen können. Es stehen uns Fährfahrten, weniger Verkehr und deutlich weniger (weil fast gar nicht existent) Zivilisation bevor. Wir haben Verpflegung für fünf Tage an Bord und hoffen, dass alles passt. Laut Reiseführer werden die Anstiege brutal und die Piste schlechter… Kann es Schöneres geben? 🙂 Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude und so gehen wir jetzt freudig pennen…

Gute Nacht! Die Muttons.

 

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