„Genial, heute stehen nur 50 Kilometer an!!! Die spulen wir mal locker flockig ab, um danach schön gemütlich in der Stadt Sajama zu chillen, immerhin Touri-Ausgangspunkt für Trekkingtouren im gleichnamigen Nationalpark.“ – Denkste! Einzig die 50 Kilometer sollten Bestand behalten … Bolivien hat sich unserer angenommen!!!

Eins steht fest – Bolivien bietet so einiges an Strapazen für die Hammelbeinchen beider Herdenmitglieder. Und auch das sonstige Material darf beweisen, dass es sein Geld wert ist. Die meiste Zeit hampeln wir mit unseren Rädern über Pisten der „feineren“ Sorte: die Waschbrettstruktur lockert die Muskulatur des ganzen Körpers so hervorragend, dass man gar nicht mehr aufhören will, zu radeln :-)! Die sandigen Einlagen zwischendurch bieten genug Raum und Möglichkeiten, die Fahrtechnik- und Kraftausdauerfähigkeiten nachhaltig auszubauen und der teils stürmige Gegenwind lässt auch Abfahrten nicht langweilig werden, da man sich des Umstandes glücklich schätzen darf, konsequent bergab zu strampeln, um nicht stehen- oder steckenzubleiben. Wir können gar nicht sagen, was SCHÖNER ist: tiefer Sand, eisiger Gegenwind oder straffe, holprige und waschbrettartige Auf-, Ab- und Geradeausfahrten… Dann doch gleich alles zusammen!!!

Dabei hatte alles so langweilig angefangen. Nach gnadenlosen fünf Tagen Verspätung aufgrund grippaler Spaßmomente kombiniert mit wahrscheinlich frappuccinobedingter abnormaler Darmtätigkeiten seitens Hammelinchens (wir berichteten bereits), bahnten wir uns an einem herrlichen Markttag in „unserem“ Viertel den Weg heraus aus dem imposanten Talkessel von La Paz, vorbei an, alle erdenklichen Sinne bereichernden, Menschen-. Waren-, Auto- und Abgasmassen. Eigentlich wollte uns der Hotelmanager schon in die Inventarliste eintragen. Nun ja, noch mal Glück gehabt.
Jetzt nur noch raus aus El Alto (wir berichteten bereits, geändert hat sich in der langen Zeit nichts) und geradewegs auf der Ruta 1 gen Süden, wahrscheinlich die EINE der zwei asphaltierten Straßen Boliviens. Insgesamt lief alles tatsächlich besser als gedacht. Wir haben meist einen breiten Seitenstreifen für uns, werden auch nicht anders beargwöhnt als sonst und können uns nach circa 70 Kilometern sogar über ein basales Hotelzimmer für 10 Euronen freuen, bietet es doch ausreichend Schutz und Heimstatt gegen den kalten Altiplanowind. Insgesamt macht das Altiplano seinem Namen zudem alle Ehre.

OK, bringen wir jetzt noch den Rest des Weges auf der „1“ bis Patacamaya hinter uns, um uns dann in den wilden Nordwesten Boliviens zu stürzen. Auf nach Sajama, auf zum höchsten Berg des Landes, auf in die Prärie … Oh, einen Moment noch, wir treffen mit der Ruta 4 wohl auf die ZWEITE der beiden asphaltierten Straßen Boliviens und erfreuen uns der Sonne und des mäßigen Gegenwindes, als wir wieder altiplanotypisch EBENso dahinradeln, eingebettet in eine nicht unästhetische Landschaft, die an einigen Stellen ein läppisches Schmunzeln über die die Eintrittspreise am US-amerikanischen Grand-Canyon-Areals evozieren. Echt herrlich hier, für lau, wenn man das Strampeln jetzt mal nicht als Preis für diese Szenerie betrachtet.

Aber auf einer Ebene zu zelten, ist gar nicht so leicht, wenn man den sicheren Stealth-Modus präferiert… Da bieten sich die ausgetrockneten Flussbetten geradezu als Sicht- und Wind-, wenn auch definitiv nicht als Regen(wasser)schutz förmlich an!!! „Regenzeit?! Nö, wir sind doch noch im Oktober!!! Das Gewitter da? Ah, ist eh weit weg, Altiplano halt …!“ Mit gekreuzten Fingern verziehen wir uns in unsere Schlaftüten und machen uns daran, die schlaflindernden Gedanken auf ein praktikables Maß zu reduzieren, was uns nicht wirklich so richtig gelingen mag… Die gekreuzten Finger haben bessere Wirkung entfalten können – wir blieben von allen antizipierbaren Widrigkeiten verschont und erfreuten uns guten Wetters am Morgen, kombiniert mit Gegenwind – Altiplano eben.

Landschaftlich bot sich auch an diesem Tag ganz großes Kino – was, wenn man sich etwas länger darin bewegt, irgendwann dann doch etwas zu normal, wenn nicht manchmal sogar langweilig zu werden droht… LUXUSPROBLEME!!!! Die Gedanken an die Alternative in Schermanie helfen uns ganz schnell, dieses Privileg wieder zu schätzen. Intervall-Grinsen im Gesicht, was natürlich auch ab und an vom Fahrtwind kommen kann :-).

Landschaft klasse, Wetter gut, Luft sehr angenehm, Straße bequem fahrbar … Alles top, oder? So sah es aus, bis wir auf dem letzten Sechstel unserer Tagesetappe auf den ebenso radelnden“Farting Rob“ aus GB trafen, der seinem, durch uns verliehenen Namen, im bezogenen Haus der Nacht ohne jegliche Anzeichen von Scham oder Zierde volle Ehre machte… KLAR KANN MAN AUF SOLCH EINER REISE IN SOLCH EINEM LAND PROBLEME MIT DEM VERDAUUNGSTRAKT HABEN. (Wissen wir, kennen wir) ABER (!!!) MUSS MAN LIEBENSWÜRDIGE FREMDE WIE UNS IN VOLLEM UMFANGE DARAN PARTIZIPIEREN LASSEN???!!! Als wir uns anschickten, die Tür unserer durchaus statthaften Behausung offen zu lassen, war er sich der Frage tatsächlich nicht zu schade, ob dies beziehungsweise warum dies denn notig sei… Definitiv ein Fall von „zu lange alleine unterwegs“!

Gerade noch einmal der Methangasvergiftung entronnen, wussten wir die klare, saubere Luft des sonnigen Morgens um so mehr zu schätzen und ließen uns richtig viel Zeit für zwei Morgenkaffee, gedünkt mit der Hoffnug, dass „Farting Rob“ seinen Darmturbo eher zündet und seines Weges radelt, ohne uns!!!
Glück im Unglück: er tat dies, aber unsere Destinationen der nächsten Tage waren die gleichen… Er blieb zwar nicht an diesem, so doch an den zwei Folgetagen unserer Begleiter, notgedrungen!!! Und in Bezug auf seine rege Darmtätigkeit war er auch an diesen Tagen gut drauf… SHIT HAPPENS?! 🙂

Gut, kommen wir auf das Eingangsstatement zurück: Der Tag, der uns zeigen sollte, was uns die nächsten Tage und Woche erwarten soll(te), war also angebrochen. „Läppische“ 50 km – lass uns mal noch nen Kaffee brühen!!!
Raus aus der Hütte, das GPS zeigt uns den Weg in die grandiose Landschaft des Sajama-Nationalparks – gelb-markierte Straße/Piste – alles klar!!!! ABER: Wo ist denn die eigentlich in der realen Landschaft? Vielleicht ist das erste Stück ja nur zugewachsen? „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf …!“, „Was nicht passt, wird passend gemacht!“, Technik siegt – nachdem Hammelinchen, die inbrünstigen Rufe und Schreie ihres Mannes ignorierend, mal kurz drei Kilometer einer gut präparierten, aber eben der falschen Piste gefolgt war (Kollege Mutton war im Verzug wegen eines Fotostops), machten wir uns jetzt daran, die Realität unseren Vorstellungen anzupassen – wie selten dämlich ist das eigentlich?! 🙂

„Ab ins Gebüsch, lässt sich doch super … pass auf, DA, die Stacheln … Mist, voll im Sand stecken geblieben …. ist das da vorn … da ist doch … nee, Flussbett … Google zeigt aber auch auf seinen Satellitenbildern eindeutig ne … hier muss doch …. !!!!“

Was anfänglich durchaus witzig erscheint, geht einem nach knapp drei Stunden und gerade mal ELF Kilometern fahren-schieben-rollen nur noch tierisch auf den Keks! Umkehren ist keine gangbare Alternative, hat man sich einmal auf einen solchen Trip eingelassen – wer wird denn zugeben, Unsinn gemacht zu haben?!

Naja, um ehrlich zu sein, es war schon witzig und eindrucksvoll, nur wird eben am Ende die Rechnung serviert. Es war Mittag und heiß, als wir auf eine Piste trafen und noch ganze 40 km vor uns hatten… Nun hieß es, einmal nordwestlich herum um den Sajama – bergauf mit Pistenverhältnissen, die den Schnitt unter zehn Kilometer in der Stunde fallen ließen. Die Höhe wollen wir an dieser Stelle natürlich auch erwähnen, um unsere heroische Tätigkeit von der verehrten Leserschaft auch ja geschätzt zu wissen: Wir bewegten uns von 4000 müN bis 4300 müN, was den Sauerstoffgehalt der Luft trefflich limitiert – Akklimatisierung hin oder her, die Muttons waren ganz schön am Rödeln.
Gut, dass auf den letzten Kilometern eine Abfahrt auf uns wartete, so verhieß es uns jedenfalls das GPS-Höhenprofil… Es hatte auch recht – nur eben waren alle anderen Bedingungen gelinde gesagt: (Fäkalbegriff Eurer Wahl)! Die Strecke hatte alles zu bieten, was ein einfaches Rollen unmöglich machte, der Wind war zu stark, um das Zelt irgendwo hinzupflanzen… Und man bedenke: 5 km vor der Touri-Stadt Sajama mit Hostals und Tiendas haut man sich doch nicht in den Dreck?!?!

(Schallendes Gelächter!!!) Touri-Stadt?!? – 19 Uhr rollten wir in einer Ansammlung von Häusern ein, die einen so erbärmlich verlassenen Eindruck machten, dass wir uns zweimal vergewisserten, ob dies auch wirklich Sajama sei… Ja, es gab ein paar Unterkünfte, aber alle schienen verrammelt und verlassen. Straßen? Staub!!! Vielleicht war es auch die Kälte und unsere Plattheit, die diese Stimmung prägten. Einen Ruhetag legen wir hier trotz heißer Quellen definitiv nicht ein!!! Was soll man hier denn bitte anstellen, wenn nicht mal das zum Glück noch gefundene Zimmerchen (vermietet von einer sehr netten Dame!) keinen Strom hat? Nachdem wir alle drei Tiendas abgeklappert hatten, hieften wir unsere verstaubten Kadaver gen „Essenslokalität“, wo wir das erste Mal in den Genuss von Alpaka-Fleisch kamen – Ganz schön zäh, die Viecher, aber wir haben auch schon Schlechteres gegessen…

Ohne den Einfluss von „Farting Rob“ schliefen wir tatsächlich prächtig und stürzten uns reichlich gemütlich sowie spät ins Radelvergnügen des Tages, wohlwissend, dass diesmal ein noch kürzerer Weg über „läppische“ 37 Kilometerchen zum nächsten großen Highlight anstand – dem Vulkan Acotango, den es mit seinen 6052 m zu bezwingen galt. Freilich nicht an diesem Tag, wir wollten „nur“ zum Basecamp auf 4800 m. Dies war dann auch definitiv der letzte Tag, an dem wir dieser Denkweise zum Opfer fielen:-)

Fortsetzung folgt!

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