Eine geschlagene Woche dauert es, um eine Hinterradnabe in Cusco aufzutreiben, die für einen verwöhnten Westeuropäer wie mich eigentlich ein ständig verfügbarer Massenartikel zu sein schien, und doch zu einem durchaus wertvollen Gut wurde… Ein Lob auf den Kapitalismus?! Weiß nicht … Ganz wohl war mir bei der sich anschließenden Naben-Tausch-Rad-Neu-Aufbau-Aktion irgendwie von Anfang an nicht – und dieses Gefühl sollte in der Realität der nächsten Tage Bestätigung finden. Eines steht nach den letzten Radeltagen fest – auch wenn wir nicht am Rad drehen, wird es uns beschäftigen und gegebenenfalls wird gutes Rad teuer!
OK: eine ungeplante Zwangspause in einer Stadt wie Cusco einzulegen, zählt definitiv nicht zu den schlimmsten Schicksalsschlägen, die einen ereilen können. Ganz im Gegenteil: so konnten wir die, durch die letzten knapp drei Monate, stark beanspruchten Akkus prima aufladen. Bespielsweise gaben wir uns hemmungslos den Köstlichkeiten vieler nahgelegener kulinarischer Etablissements hin, ohne nur ansatzweise ein Gefühl schlechten Gewissens zu entwickeln. Irgendwann scharrten Hammelinchen und Hammelchen dann aber doch ungeduldig mit den Hufen, sollte die Show doch endlich weitergehen. Nicht zuletzt sitzt uns die Regenzeit etwas im Nacken, die sich immer deutlicher durch teils ergiebige Schauer ankündigt. Nix für unser zartes Fell!

Etwas gefrustet ob der Zwangspause füllten wir die verbleibende Zeit auch mit einigen Besuchen auf peruanischen Märkten, sahen Häupter scheinbar glücklich gestorbener Schweine, Hühner, die kopflos Kopfstand machten und Peruanerinnen, die vergnügt innere Werte begutachteten. Sehr gern würde ich hier die dazugehörigen Gerüche, die irgendwie nicht zur verbalisierten Gefühlslage der Marktteilnehmer passen wollen, einfügen, um der Authentizität dieses Ortes etwas besser Rechnung tragen zu können. Leider verwehrt uns allen die Technik dieses Vergnügen :-)!

Radlos in Cusco glaubten wir schon fast, heimisch werden zu müssen, als wir dann doch, etwas ungläubig, aber völlig enthusiasmiert, das schon schmerzlich vermisste Utensil wieder in Händen hielten!!! Hätte uns der fehlende Ventilfixierring oder die nicht mehr vorhandene Ventilkappe stutzig machen müssen?! Passiert wohl im Eifer des Gefechts schon mal… Meiner im Bereich des Radbaus nicht gerade als elabortiert zu definierenden Kompetenz hielt das neu eingespeichte Rad in seiner Qualität allemal stand, kombiniert mit zwangsläufigem Vertrauen/Hoffen in Ermangelung tragfähiger Alternativen.

Voller Vorfreude auf die nächsten Radetappen statteten wir dem Markttreiben in Cusco einen letzten Besuch ab (Mister Mutton durfte mal wieder eine Schur über sich ergehen lassen) und verschlangen hingebungsvoll die letzte Lasagne bei unserem italienischen Lieblingsperuaner!

Nach einer herzlichen Verabschiedung von der liebgewonnenen Radlergemeinde im Hostal, schwangen wir uns befreit und wagemutig in den chaotischen Verkehr der Metropole, um nach knapp zwei Stunden endlich wieder die Weiten Perus im Sattel genießen zu können.

Irgendwann kam mir dann in den Sinn, mal einen Blick auf das Hinterrad zu riskieren… Alles in Ordnung? Mitnichten! Die schlechten Straßenverhältnisse Cuscos taten ihm wohl gar nicht gut. Besser gesagt: sie trugen die mindere Qualität der vermeindlichen Einspeichkünste des …. (hier einfach ein despektierliches Wort Eurer Wahl für den Radmechaniker einsetzen, es passt jedes!!!) zu Tage. Schöne Sch…, das Rad hat nen deutlichen Schlag, der definitiv nicht ignoriert werden darf, wenn man damit noch mehr als 10.000 km auf teils rauen Pisten Südamerikas zurücklegen will… Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?! Naja, Kontrolle erfordert aber Sachverstand…

Cusco lag weit hinter uns, zumindest soweit, das umkehren nicht mehr in Frage kam. Was also tun? Selbst ist der Hammel! Schlechter kann es wohl nicht mehr werden!!! Ein Speichenschlüssel ist schließlich auch im Gepäck. Ohne Sachverstand frisch ans Werk, das funktioniert ja auch in anderen Bereichen des Lebens ganz gut!!!!! Am Abend bringe ich knappe zwei Stunden damit zu, die Logik der Radkonstruktion auf das real existierende Problem hin zu verstehen und konfliktlösend tätig zu sein. – UND DANN BÄHM!!!! Stolz wie Oskar präsentiere ich das (fast) wieder 100prozentig planlaufende Hinterrad der Muttondame, natürlich ohne darauf zu verzichten, den Radgebenden (sic!) des Vortages mit den passenden Eigenschaften zu charakterisieren…. :-)! Ein (kleiner) Schwall von Überheblichkeit? Vielleicht! 🙂

Dass das Rad zwei Tage später in noch erheblicherem Maße eierte, ist jedenfalls nicht darauf zurückzuführen, dass ich gepfuscht hatte! Das sei an dieser Stelle ausdrücklich betont 🙂 !

Unbeschwert fuhren wir am nächsten Morgen also Richtung vorerst letzten Pass, dem Abra la Raya, bevor wir dann wohl noch unbeschwerter mit Rückenwind gen Titicacasee radeln werden… Was machte uns da eigentlich so sicher? Vielleicht waren es die Berichte verschiedener Reiseradler, die darüber sprachen, wie toll doch diese Fahrt mit Rückenwind gewesen sei!!! Und schließlich fahre man ja von Nord nach Süd… ABER: Irrtum ist eine Grundkonstante! Nix Rückenwind, immer schön von vorn, meistens jedenfalls. Vielleicht war es ja Karma? Hätte ich nur mal schön meine Klappe gehalten und meinen Radzentriertriumph im Stillen genossen!!!

Apropos Karma: Kurz vor besagtem Pass liegt ein Ort, der Entspannung verspricht: Aguas Calientes, also eine Badeanstalt mit heißen Quellen, die zum Relaxen einlädt. Ironie ist es dann, wenn man an diesem Ort des Relaxens ein Zimmer bezieht, was 1.) wohl mit einem ordentlichen Gringozuschlag belegt worden ist, sich 2.) in einem Zustand befindet, der alles andere als Erholung verspricht und das 3.) einen Greis zum Zimmernachbarn hat, dessen Hauptbeschäftigung darin besteht, nachts vor sich hin zu säuseln und andere um ihren Schlaf zu bringen… Erholung? Fehlanzeige!!!

Ist man mit solchen Widrigkeiten konfrontiert („Irgendwas ist ja immer!“), verliert man schnell die positiven Dinge aus den Augen. Die Landschaft in diesem Teil Perus ist zwar nicht mehr so schroff spektakulär, wie im Norden des Landes, allerdings ist sie durchaus beeindruckend, aber eben auf eine andere Weise. Hochebenen haben ein ganz besonderes Flair, was uns sehr zusagt. Daran ändern auch die teils sehr aggressiv fahrenden Verkehrsteilnehmer (vor allem Reisebus- und Sammeltaxifahrer) nichts!

Also dann! Aufbruch in Aguas Calientes mit den ersten Sonnenstrahlen gegen 7:30 Uhr. Nur weg von diesem Ort nervenaufreibenden Treibens… Fröhlich den Pass absolvierend denke ich noch: „Hach, einfach mal schön entspannt dem Titicacasee entgegenrollen… Wetter passt, Strecke passt, und wenn es langweilig wird, gibt es immer noch Musik auf die Ohren.“ Tja, man soll sich seiner Sache nicht so sicher sein. Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste! KNALL, BUMM, BÄNG!!! Mister Muttons Fahrrad liegt auf der Fahrbahn, nachdem der Mister gekonnt (das soll abermals angemerkt sein!) zum Hammelsprung ansetzte! Wieso bauen die Peruaner Eisenbahnschienen in solch dämlichem Winkel zur/über die Straße und lassen dann noch so viel Platz zwischen Straßenbelag und Gleis, dass man ganze Hammelherden darin verstecken könnte?!? Das Hinterrad nahm sich eben dieses Platzes an und sorgte für den Crash des Tages! (Natürlich könnte man auch fragen: “ Warum fährt der dämliche Hammel eigentlich diagonal über die Gleise?!“ Tja, er glaubte nicht an Karma, sondern an seine Skills. SELBER SCHULD :-)!)

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Resultat: kein Personenschaden, aber das Hinterrad eierte jetzt gewaltig! Wir verbrachten unter nervigstem Hupen peruanischer Autofahrer und heftigster hammelcher Selbstbeschimpfungen geschlagene 1,5 Stunden am Straßenrand, um das das Malheur irgendwie auszubügeln. Das klappte dann auch zu 90 Prozent, aber die Stimmung war im Eimer…. In La Paz muss da gegebenfalls nochmal ein Profi ran …

Wer jetzt glaubt, genug mit Karma, genug mit Missgeschicken, dem sei gesagt: da geht noch mehr …

Auf der Weiterfahrt am nächsten Tag bei bestem Wetter, mit viel Verkehr, aber schöner Landschaft, genüsslichem im Gegenwind, der angenehmen Begegnung mit drei radelnden Franzosen und später drei Argentiniern, die alle auf dem Weg nach Norden waren, ritten wir im Ort Lampa ein, dessen Hostals wohl irgendwie alle verwaist oder endgültig geschlossen schienen… So dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis wir dann doch ein Domizil für die Nacht fanden (einem freundlichen und hilfsbereiten Jungen sei Dank!), ganz klar – mit Gringo-Zuschlag. Dass an diesem Abend wegen einer Fiesta außerhalb ALLE Restaurant geschlossen hatten und wir uns mit einem mageren Mahl aus Trockenbrot, Cola und etwas Obst zufriedengeben mussten, setzen wir gleich mit auf die Pechrechnung seit Cusco.

Konnte es jetzt eigentlich nur noch besser werden? Noch etwas Geduld bitte, die Mutton-Stress-Toleranz darf ruhig noch etwas strapaziert werden … Wir befanden uns jetzt auf dem Weg nach Puno, einer als idyllisch gepriesenen Stadt an den Ufern des höchstgelegenen Sees der Welt, dem Lago de Titicaca. Klar, meist Gegenwind! Aber sonst? Das Wetter wollte auch nicht mehr so recht freundlich sein und je näher wir dem Ziel kamen, desto ungemütlicher wurde es hinter uns. Dafür freuten wir uns über eine neu angelegte Fahrbahn parallel zur PE 3 S, die für den normalen Verkehr noch nicht freigegeben war. Klar machten wir sie zu „unserer“. Dies klappte für circa 15 Kilometer ausgezeichnet und wir sahen es als kleine Kompensation für alles Mühsal der vergangenen Stunden. Die letzten 50 Meter sahen irgendwie nass aus: „Mmh… könnte Regen gewesen … NEIN!!! FU…!!! Es ist frischer Bitumen!“ Ganz großes Kino!!! JETZT REICHT ES LANGSAM!!! Natürlich wollte ein Teil dieser Masse auch gleich Anteil an unseren Rädern und Ausrüstungsgegenständen nehmen – eine riesengroße Sauerei, der eine halbe Rolle Klopapier und 30 Minuten unserer wertvollen Zeit zum Opfer fielen. Natürlich kamen wir kurz vor Puno gleich noch in den Genuss eines Regenschauers, allerdings ein sehr mickriger im Verhältnis zum Rest.

„Gut, gut! Jetzt muss doch langsam Schluss sein! Gibt es nicht auch noch Positives zu berichten? Oder ist nicht alles auch eine Frage der Perspektive?“ – Mal überlegen …. mmmh … in Puno bezogen wir ein sehr schönes Hostel, was wir gleich für einen Ruhetag nutzten. Die Pizza beim peruanischen Italiener schmeckte ausgezeichnet und wir konnten uns glücklich schätzen, ein festes Dach über dem Kopf zu haben, als die teils sintflutartigen Regenfälle einsetzten. Gelingt auch der spontan angesetzte Ausflug zu den Uros-Inseln auf dem Titicacasee? Er entpuppte sich als Kaffeefahrt auf Peruanisch, begleitet durch einsetzende Kälte und Dunkelheit.

Wir lockerten das Ganze allerdings durch zwei gehörige Gringospäße auf, die den Mitreisenden wohl noch etwas länger im Gedächtnis bleiben werden:

1) Nachdem wir auf den Schilfinseln mit einem üblichen Motorboot angekommen waren und den Verkaufsofferten der Insulaner erfolgreich getrotzt hatten, „durften“ wir alle noch mit einem traditionellen Schilfboot zur gegenüberliegenden Insel fahren. Natürlich wurde erst im letzten Moment vor dem Ablegen erwähnt, dass dies Geld kosten würde! Nicht mit mir!!! Reicht so schon! Also setzte ich abermals zum Hammelsprung an, um der Abzocke zu entkommen. Leider war das Boot aber schon im Ablegen begriffen und Hammelinchen sah sich adhoc der Tatsache ausgesetzt, allein und ohne Geld die Überfahrt meistern zu müssen, was ihr so gar nicht gefiel. Es muss ein witziges Bild gewesen sein und eine amüsante Gringo-Aktion (wir waren die einzigen „Gringos“ der Gruppe), die wir noch dadurch aufhübschten, dass ich mit einem waghalsigen Manöver zurück ins Traditionsboot fand. Das Gelächter war uns sicher! Eigentlich hätten wir auch Geld verlangen können…

2) Gut, jetzt hatten wir uns schön in das Gedächtnis aller Beteiligten eingebrannt. Wir kamen auf der gegenüberliegenden Seite an und „durften“ fröhlich weitere Waren konsumieren … Natürlich zogen die „Veranstalter“ das Ganze in die Länge. Wenn es kalt wird und man heiße Schokolade verkaufen will, lässt man die potentiellen Käufer einfach solange im Wind stehen, bis diese keine andere Wahl mehr haben!!! Idealerweise kam kurz vor uns ein zweites „normales“ Ausflugsboot an, was deutlich früher wieder ablegte. Kurzerhand ergriffen wir die Initiative, sprangen auf und entfernten uns unerlaubt sowie unbemerkt von unserer Stammgruppe, um uns dieser Frechheit schnellsten zu entziehen! Die beiden Gringos, die vorher für Spaß sorgten, verschwanden spurlos von der Insel… Ob sie uns immer noch suchen? Egal: nicht nur Touristen können verarscht werden, man kann den Spieß auch mal umdrehen :-)!

Unsere Antwort auf die Touriabzocke am Titicacasee :-)

 

Die Weiterfahrt nach Bolivien in den nächsten zwei Tagen verlief dann verhältnismäßig unspektakulär … Wir kamen sogar in den Genuss tollsten Wetters auf dem Weg nach Copacabana, wo wir gerade verweilen. Auch der Titicacasee zeigte sich heute von seiner schönen, ästethischen Seite.

Peru ist somit „erfahren“! Jetzt erobern wir Bolivien! Erster Eindruck? Die Einreisemodalitäten erreichen fast die Dimensionen deutscher Bürokratie!!! Man muss mal eben selbst eine Kopie seines Reisepasses anfertigen und günstigerweise ist der Copyshop gleich nebenan (ein Schelm, wer Böses dabei denkt …). Natürlich bekommt man statt der maximal 90 nur erstmal 30 Tage Aufenthalt genehmigt. Alle Bitten und Beschreibungen des Vorhabens nützen nix! Wir „können“ ja in La Paz die Migrationsbehörde aufsuchen und uns weitere 60 Tage (sogar kostenlos) genehmigen lassen… Ja, nee, ist klar! Sehr gern! 🙂

Bienvenida en Bolivia! Es grüßen die Muttons (- die trotz aller Missgeschicke immer noch guter Dinge sind, den Trip genießen und auch das Lachen nicht verlernt haben :-)!!!

Anmerkung: Die nächsten Blogeinträge werden voraussichtlich etwas länger auf sich warten lassen müssen, denn das wilde Bolivien hält wohl sehr wenige WWW-Zugangspunkte für uns bereit!

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