Vorsicht! Dieser Beitrag hat Überlänge, aber die ist im Preis schon enthalten :-)!

LA – pünktlich um 13:25 Uhr hebt unsere Avianca-Maschine ab gen Süden, um uns am nächsten Tag mit zwei Stunden Zeitverschiebung und jeder Menge Müdigkeit in Trujillo, Peru, um 7:52 Uhr Ortszeit auszuspucken. Hola, den „Airport“ habe ich mir irgendwie anders, irgendwie größer vorgestellt. Trujillo ist ja bekanntlich die zweitbedeutendste Stadt Perus, gleich nach Lima. Wir reiben uns die Augen, um zu prüfen, ob es nicht am müdigkeitsbedingten kleineren Blickwinkel liegt…

Nö, dat Ding bleibt so winzig, aber eben auch überschaubar. Nach unfassbar kurzer Zeit stehen dann die Radkartons und unsere Packtaschen vor uns und es kann ja nun nach 24 h Reiserei nicht zu viel verlangt sein, unsere Drahtesel wieder zusammenzubauen, um mit wehenden Fahnen in Trujillo einzureiten. Das dreimal angebotene Taxi schlagen wir dankend aus und begeben uns in die hinterste Ecke des Flughafenvorplatzes und legen los, natürlich nicht ohne nen Vogelsschiss auf Helm und Tasche. „Was gucken die denn alle so?! Sind wir hier schon zu lange?“, fragen wir uns nicht erst nach drei Stunden, als die Bastelaktion vollbracht war. Ja, so wirken sie, die Vorurteile, genährt durch Medien, Berichte, Eindrücke … . Verstärkt wurde das Ganze durch den Schlafentzug und Reisestress.
Apropos Reisestress: Gewusst?! Wenn man in Peru einreist, braucht man ein Ausreiseticket mittels Bus, Bahn oder Flugzeug, damit man auch ja belegen kann, dass man nicht dauerhaft residiert und der peruanische Staat die Kontrolle nicht verliert. (kennen wir auch von anderen Nationen) Das erklärte uns der freundliche junge Mann am Schalter beim Check-in. Das haben wir gehört, allerdings auch vom liberalen Umgang mit dieser Regel. Nützt nix, el hombre besteht darauf, dass wir „schnell“ ein Online-Ticket buchen, was belegt, dass wir an einem bestimmten Tag Peru verlassen. Wir entscheiden uns für ein „ultragünstiges“ Busticket von einer uns nicht bekannten Grenzstadt in Peru geradewegs nach La Paz in Bolivien, wohlwissend, diesen Service nie in Anspruch zu nehmen. Die ganze Aktion dauerte ne geschlagene Stunde, dem WLAN des LAX sei Dank. Bei der Einreise in Peru fragte uns freilich niemand nach diesem Schein und der freundliche Grenzbeamte donnerte uns nachts um drei im Lima nach der formalen Frage, wie lange wir gedenken, in Peru zu bleiben, 90 Tage Aufenthaltsrecht in den Pass… Puh, Glück gehabt, denn im Eifer des Flughafen-Ticket-Buchungs-um-fliegen-zu-dürfen-Gefechts haben wir natürlich ohne weiter nachzudenken, ein beliebiges Datum im September gewählt. Dies hätte unseren Aufenthalt wohl ungünstigerweise sehr limitieren können…

Zwischenstopp San Salvador, Hauptstadt Salvadors. Gewusst?! Man kann den Wohlstand eines Landes auch an seiner Leuchtkraft bei Dunkelheit erkennen, wenn man darüberfliegt. Salvador ist aktuell eines der ärmsten und gefährlichsten Länder weltweit. Der Letzte macht das Licht aus?! Dort, scheint man es nie anzumachen :-(! Gespenstig anmutendes Schwarz, durchbrochen von scheinbar schwachen einzelnen Lichtquellen, kennzeichnete das Bild, als wir landeten. Ein komisches Gefühl. Aufenthalt: 50 Minuten.

OK, endlich Trujillo, endlich Peru. Weiter im Text: Wir ernten weiter skeptisch anmutende Blicke… Wir nehmen Blickkontakt auf, lächeln im Rahmen unserer Möglichkeiten, ob unseres matten Gemütszustandes oder grüßen zurückhaltend. Und siehe da!!! Meistens postive Resonanz! Ein freundlicher hombre ist nach unserer Auspackaktion auch freudiger Besitzer zweier Radkartons, die wir ihm glücklich überließen, weil wir eh nicht gewusst hätten, wohin damit. Zwei Taxifahrer begutachten faschmännisch unsere Räder, fragen uns nach Komponenten, unserem Trip und auch dem Preis für die Velos… Naja, „Viel dafür gearbeitet! Keine Ahnung, was sie genau gekostet haben … Aber eher nicht so viel.“ (Tipp xy der Reiseführer befolgt)

Gegen 12 Uhr: Vamos! Ziel: Das originale und legendäre „Casa de ciclistas“ von Lucho und seiner Familie, die seit mehr als 20 Jahren Reiseradlern eine kostenlose Unterkunft und jede Menge Kommunikationsraum bieten. Werden wir Mitstreiter treffen, Infos über unsere geplante Strecke erfahren?

Wir fuhren vom Flughafengelände und landeten adhoc in einer neuen, völlig anderen Welt! Das war zu diesem Zeitpunkt und in dieser Verfassung deutlich zu viel für das Gemüt des Mister Mutton. „Das soll jetzt ein halbes Jahr so weitergehen?!? Das pack ich nicht!“ Die Dame des Muttonexpresses legte deutlich mehr Gelassenheit an den Tag, quitierte manch verbalisierte Fassungslosigkeit meinerseits gar mit einem Lächeln, was nicht nach Mitleid aussah.

Wohlwissentlich, dass das Gebiet um den Flughafen nicht die beste Gegend für uns Gringos ist, interpretierte ich manche strengen Blicke, die jetzt auf uns einprasselten, sicher genau richtig. Garniert wurde das Ganze durch einen teils sehr aggressiven Fahrstil einiger Verkehrsteilnehmer, einer Straße, die den Namen nicht wirklich verdient und jeder Menge Gewusel und Gedränge an den staubigen, unbefestigten Straßenrändern und vor den Häusern und Hütten. 24 Stunden Anreise aus einem der reichsten Länder der Erde schienen für einen verwöhnten MItteleuropäer wie mich zu viel an diesem Tag! Ich will hier bewusst, aber neutral von Kulturschock sprechen:-)!

Wir bekamen sehr schnell den Eindruck, die peruanischen Verkehrsteilnehmer und Passanten über jede Art Hupe und Sirene kommunizieren, die in Deutschland strengstens verboten sind. Es gibt keinen Fahrzeugführer, der nicht hupt!!!! Es gibt einfach keinen!!!!! Niemanden!!!!!!!!! Und war es uns anfangs noch ein völliges Rätsel, warum gerade gehupt wird, haben wir nun unsere Theorie entwickelt:

mögliche Bedeutungen:

Kurzes, mehrmaliges Hupen – Ey, brauchste n Taxi (auf einen Einwohner kommen gefühlt 1000 Taxis)? Ich bin frei!, Vorsicht, ich fahre gleich von hinten an dir vorbei!, Achtung, ich komme, aber passe nicht auf, weil ich gerade ne wichtige Nachricht aufm Smartphone schreibe. Hola, hübsche Frau!, Seid freundlich und anerkennend gegrüßt, liebe Radtoreros.

Mehrmaliges, längeres Hupen – Ich weiß, dass ich keine Vorfahrt habe, aber es ist mir egal, ich fahrte trotzdem!, Die anderen hupen auch, also mach ich mit!, Die Kreuzung ist voll und verstopft, warum fährst du denn nicht?!?! Es ist seit minus einer Sekunde grün, fahr endlich!

Langes, durchgehendes Hupen – ich bin völlig angep… und mach alles platt, was sich mir in den Weg stellt, auch die Einbahnstraße irrtümlich falsch befahrende Reiseradler aus Deutschland 🙂

Scheinbar ist das Verkehrschaos durch das Außerkraftsetzen aller bekannten Regeln ein Garant für wenige Unfälle. Hier passiert tatsächlich ungewöhnlich wenig für solch eine Gemengelage.
Und eins soll an dieser Stelle gesagt sein: Begegnet man der beschriebenen Ausgangssituation mit ausreichendem Schlaf, Nahrung sowie der Gewissheit, wo man des nachtens schlafen wird (mit etwas Anlaufschwierigkeiten haben wir ein sehr schönes Hostel gefunden) und stürzt sich mitten ins Gedränge, gewöhnt man sich sehr schnell daran, und merkt auch, dass viele skeptisch und aggressiv wirkenden Blicke im Gegenteil bloßes Interesse und konzentriertes Begutachten bedeuten. Auch Mister Mutton hat sich schnell daran gewöhnt und sogar Gefallen daran gefunden! Nichtsdestotrotz bekommt man ein Gefühl dafür, wie es sein muss, als Mensch anderer Kultur in einem Land zu leben, wo man definitiv sofort auffällt. Und dass dies nicht immer das beste Gefühl ist, wird einem auch schnell klar. ABER EINES HILFT IMMER: Angelächelt, gegrüßt oder freundlich angesprochen zu werden oder selbiges selbst zu tun! Und genau das passiert uns hier jeden Tag sehr, sehrt häufig! Vom Hupen sprach ich, dazu der Daumen nach oben oder lobende Worte, Interesse an unserer Reise etc. Die Peruaner glänzen mit Freundlichkeit! (Ausnahmen gibt es immer!)

Als wir an die Tür von Luchos Casa klopften, machte leider niemand auf und so verschoben wir den obligatorischen Besuch auf den Folgetag. An diesem hatten wir mehr Glück und Luchos Frau sowie sein kleiner Sohn „Lance Armstrong“ ließen uns freundlich herein. Lucho selbst war leider für mehrere Tage mit dem Rad unterwegs, aber es war trotzdem eine tolle Erfahrung (trotz der Sprachbarriere :-)) Zudem trafen wir auf zwei sehr nette Mitstreiter aus Frankreich: Celine und Jerome, mit denen wir uns über wichtige Details, wie beispielsweise die „Hundefrage“ oder Nahrungsbeschaffungsmaßnahmen, gewinnbringend austauschen konnten. Die Beiden starteten vor circa vier Wochen in Quito, Ecquador, und sind für acht Monate unterwegs nach Süden. Vielleicht sieht man sich ja unterwegs noch einmal? Wir werden sehen.

Nachdem wir den restlichen Tag mit der erfolglosen Suche nach einer Kartusche für unseren Kocher und Einkäufen für die kommenden Tage vertan haben, entschieden wir uns, am nächsten Morgen endlich loszufahren! Auf nach Huaraz, durch den Canyon del Pato, hinauf in die Höhen der Anden. Erstmal hieß es aber: Panamericana, 70 km nach Süden. Wahrlich kein Vergnügen ob des Drecks (unter anderem scheinen vollgeschissene Babywindeln beliebte Gegenstände zu sein, die man zusammen mit Flaschen, Essensresten und sonstigen Gegenständen am Straßenrand entsorgt. Nicht schön, aber der Müll ist leider Standard.)

Kurz nach dem Ort Chao geht links eine Piste Richtung Canyon del Pato ab. Die wollen wir noch anfahren, also heißt es heute Nacht: Wildzelten! Das ist gar nicht so einfach: versteckt, gerader Untergrund und windgeschützt. Wählerisch sollte man hier definitiv nicht sein, zumal es dringend empfohlen ist, gegen 17 Uhr einen geeigneten Schlafplatz gefunden zu haben. Es wird verdammt schnell dunkel hier. 18:30 Uhr ist Feierabend, will man nicht als Kühlerfigur an einem Truck, Auto oder Bus enden. Wir hatten nen tollen Platz mit herrlichem Blick auf den Sternenhimmel. Auch die um vier Uhr morgens vorbeifahrenden Bauarbeiter konnten uns da nicht stören.

Ist man in einem Dorf oder einer Stadt, gibt es meistens Unterkünfte, die man beziehen kann. Die kosten nicht mehr als circa 8 EUR die Nacht. Da überlegt man nicht lange. Auch ist es viel einfacher, im Dorf essen zu gehen. 2,50 EUR für ein üppiges Mahl inklusive Getränken ist deutlich günstiger, als selbst zu kochen! Pollo con arroz y papa o fritas. Mui bien :-).

Unterwegs werden wir zudem selbst oft zur verlockenden Mahlzeit. Man nehme: Sonnenstrahlen als Wärmequelle für die Muttonkörper, Marinade: Schweiß und Sonnencreme. Als Paniermehl eignet sich wunderbar der Steppensand! Die vorbeifahrenden Fahrzeuge sind gern behilflich beim Panieren. Jetzt die Muttons nur noch in Anstrengung versetzen, etwas Wind und Wasserknappheit dazu! Fertig sind die panierten Hammelbeine, die den reudigen Straßenködern hier gut schmecken würden. Zahlreich kommen sie angestürmt und wollen uns ans Leder. Aber: bestes Mittel (Danke Celine und Jerome) – „einfach“ stehenbleiben (Köter bleiben stehen), zum Boden greifen und einen Stein nehmen oder so tun als ob und schon ist Ruhe! Kostet Überwindung, aber verspricht wahren Erfolg!

Wir sind angekommen in Peru! Hier gibt es deutliche Unterschiede im Wohlstand der Menschen, und in den Regionen, in denen wir unterwegs sind sowie weiter unterwegs sein werden, ist ein einfaches, meist durch Armut geprägtes Leben immer noch an der Tagesordnung. Aber die Menschen schaffen es, sich ihre Freundlichkeit und Gelassenheit zu bewahren und sie mit uns zu teilen. Vorbildcharkter? Wir denken ja!

Die Landschaft ist grandios, aber dazu später mehr. Adios und bis bald. Die Muttons.

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